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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 59

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Soziologie des Judenhasses
Date
1925-01-01
Page
59 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Soziologie des Judenhasses predigten oder gültigen Sittlichkeitsnormen und Rechtsauffassungen; unabhängig auch von der Artung, den Ansichten und Absichten irgendwo und irgendwann hervorragender, führender oder herrschender Persönlichkeiten ist das Bild des Menschenkampfes stets das gleiche geblieben. Die Zusammenstöße in ihren allergewalttätigsten Formen sind zwar von Zeit zu Zeit und innerhalb von Rechtsgebieten teilweise und mühsam unterdrückt worden; nach außen aber werden sie regelmäßig als Massenmord mit meist großer Sorgfalt und dem Aufgebot der besten menschlichen Fähigkeiten organisiert. Nun fällt es auf, daß die Menschen dem gleichen Schädigungs¬ und Vernichtungseffekt, der sich aus den menschlichen Zusammenstößen ergibt, auch ohne jede menschliche Einwirkung ausgesetzt sind. Das schwerste Verbrechen, der Mord, hat keine andere und keine ärgere Wirkung als etwa der tötende Blitzstrahl, dem jede menschliche Urheberschaft fremd ist. Und die abscheulichste Form des Mordes, der Meuchelmord, der einen Ahnungslosen trifft, ist psychisch und physisch weit weniger schmerzhaft als die meisten Formen natürlichen Todes; auch kann die raffinierteste Folter einem Menschen keine größeren Schmerzen zufügen, als dies manche natürliche Krankheiten zu tun vermögen. Während aber diese Schädigungen sachlichen Ursprungs wenigstens scheinbar leidenschaftslos ertragen und jedenfalls, soweit dies überhaupt möglich ist, leidenschaftslos bekämpft werden, spielen sich die menschlichen Zusammenstöße, die eine im Wesen ganz gleichartige Schmerzwirkung haben, unter einem gewaltigen Aufwand der wildesten Leidenschaften und der verwickeltsten Rechtsvorstellungen ab. In dieser Verschlingung von Sentiments, Rechtsvorstellungen, Zusammenstößen und Schädigungen ist die Schwierigkeit begründet, auf die Frage nach der Entstehung der Feindschaften eine befriedigende Antwort zu finden. Dem menschlichen Betrachten, gewiß aber dem Bewußtsein der Beteiligten, erscheint der Zusammenstoß keineswegs als das mechanische Aufeinanderprallen entgegengesetzter Gewalten. Er zerfällt vielmehr in zwei Phasen, nämlich den Angriff oder die Aggression und die Abwehr. Von der Aggression setzt man voraus, daß sie; einem feindlichen Gefühl unbekannter Herkunft entspringt, welche unbekannte Herkunft durch die Vorstellung von schlechten Eigenschaften, bösartigen Instinkten oder freiem bösen Willen als Quelle der feindlichen Gefühle ersetzt wird. Bei der Gegenpartei ruft der Angriff eine Schädigung oder eine als solche empfundene Wirkung hervor; diese gestaltet sich im psychischen Effekt zum Schmerz. Und als Reaktion hierauf entsteht bei der geschädigtenPartei ein Gefühl der Feindschaft, welches den Wunsch 59

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