Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Soziologie des Judenhasses
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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F. Bernstein erscheint. Im konkreten Feindschaftsfall stellt sich die Erklärung sofort als Beschuldigung ein. Eine Partei hat eine Handlung begangen, welche als unrechtmäßig empfunden wird und bei der geschädigten Partei ein Gefühl der Feindschaft hervorruft. Die Frage, bei welcher Partei die Schuld in Wirklichkeit liegt, wird von den Parteien selbst immer und von den Unbeteiligten oft verschieden beantwortet. Aber jedenfalls erscheint eine Schuld als die Ursache der Feindschaft. Indessen lauert offenbar hinter der Selbstsicherheit der Verurteilung ein dumpfes Vorstellungsgefühl, welches besagt, daß die menschliche Schuld oder dasjenige, was sich als ihre Wirkung äußert, einer weiteren, unpersönlichen Ursache entstammen könne. Man hat sich diese Ursache als außermenschliche Macht vorgestellt und sie als Verhängnis oder Schicksal bezeichnet; man hat sie auch als das „Böse an sich" in den Menschen verlegt und als Folge der Erbsünde, als Einwirkung teuflischer Mächte und auf allerlei andere Weise zu beschreiben versucht. Gegenüber einem Problem, dem die Denkarbeit der Menschengeschlechter gegolten hat, das alle Leidenschaften in sich birgt und dessen Lösungsversuche eine Geschichte menschlicher Leidenschaften bilden, ist neben Bescheidenheit vor allen Dingen Abstand erforderlich. Nur ein erheblicher Abstand gewährt die Freiheit der Übersicht, in der einzelne für uns wichtige Zusammenhänge erkennbar werden können. Das Bild der Menschheitsgeschichte stellt sich nach seinem äußeren Aspekt dem Beobachter als ein Nebeneinander von Menschen dar, die fortwährend miteinander zusammenstoßen. Diese Zusammenstöße gehen vom Blick und vom Wort oder der Wertlosigkeit über alle Formen der Schädigung, d. h. dem psychischen Effekt nach der Schmerzzufügung, bis zur gänzlichen Vernichtung. An diesem Bild hat sich seit den ältesten bekannten Zeiten nichts Wesentliches geändert. Unabhängig von jeweils irgendwo herrschenden politischen und wirtschaftlichen Systemen, von Religionen und Weltanschauungen, von sozialen Ordnungen und ge¬ Spannungen an sich betrachtet. Er erklärt sie als Erscheinungen, die bei bestimmter Konstellation automatisch und vor allem ganz unabhängig von jeder Schuldfrage entstehen, indem er ganz allgemein die Gruppe als Instrument der Feindschaftsäußerong beschreibt. Wir bringen obenstehend charakteristische Teile des wichtigen Kapitels über den „Feindschaftsursprung". Im Buche folgt dann eine Darstellung der Rechtsvorstellungen und der Gruppe innerhalb des Feindschaftsverhältnisses sowie eine Soziologie der Gruppenerscheinungen. Die Schlußfolgerungen aus den obigen Darlegungen für den Spezialfall des Antisemitismus, die die letzten Abschnitte des Buches bringen, ergeben sich für den aufmerksamen Leser ohne Mühe und von selbst. — Red. 58