Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 55 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110419--8028-3110503- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das alte und das neue Judentum wertlos. Ein von seinem geistigen Boden losgerissenes Volk verwelkt und verliert die Fähigkeit, neue Kulturwerte, die die gesamte Menschheit bereichern, hervorzubringen. Man muß stets der Wahrheit eingedenk sein, daß zwischen dem Individuellen und dem Sozialen das Nationale steht. Nicht der Mensch an sich, sondern der Angehörige der einen oder der andern Nationalität ist in Wirklichkeit Mitglied der sozialen Gemeinschaft. Die Persönlichkeit macht sich im Staate und in der Gesellschaft mit allen ihren Eigentümlichkeiten geltend, unter denen die nationalen Eigenheiten eine hervorragende Stelle einnehmen. Jede Menschengruppe tritt in ihrem nationalen Gewände, das mit ihrer inneren Struktur verwachsen ist, auf und wird nur als solches individuelles Kollektivum zu einer sozialen und kulturellen Macht. In einer gesunden Nation nimmt der Instinkt der Selbsterhaltung entsprechend der drohenden Gefahr zu. Bei einem Volke, das durch einen starken Staat zusammengehalten wird oder das auf einem Territorium zusammengeschlossen ist, verharrt die nationale Energie gewöhnlich in latentem Zustand; bei einem Volke aber, das der territorial-politischen Schutzhülle entbehrt und der Gefahr ausgesetzt ist, von anderen Völkern aufgesogen zu werden, äußert sich die nationale Energie in aktiven Formen und prägt sich der nationale Faktor in allen Äußerungen des persönlichen und des öffentlichen Lebens aus. Nimmt der Angriff von außen zu, so wird für jedes Mitglied der Kulturnation, die keinen territorialen und militärischen Schutz genießt, der sittliche Imperativ verpflichtend: Handle so, daß der Grundsatz der Unversehrtheit und der Autonomie deiner Nation gewahrt bleibt! Dieser Imperativ muß zum höchsten Kriterium im Leben der heutigen Judenheit werden, die von allen Seiten von Gefahren bedroht ist; er muß die höchste Anspannung des nationalen Willens hervorrufen, — und ist er noch nicht für alle Mitglieder unserer unterdrückten Nation unbestritten geworden, so ist es das Symptom einer Willenskrankheit, die sich in einen Teil unseres Volksorganismus eingeschlichen hat. VI. All das, was in diesem Kapitel gesagt wurde, führt uns zu den folgenden allgemeinen Thesen: 1. Die Nation ist nach Vollendung ihrer Entwicklung eine kulturhistorische Einheit, deren Mitglieder ursprünglich durch die Gemeinsamkeit der Rasse, der Sprache, des Territoriums und des Staates verbunden waren, sich im Laufe der Zeit aber innerlich oder geistig auf der Grundlage eines gemeinsamen Kulturerbes, gemeinsamer geschichtlicher Überlieferungen, geistiger und 55