Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 54 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Simon Dubnow liehen Menschheit, indem er entweder in politischen Freiheitsbewegungen oder im Kampfe um territoriale und sozial-kulturelle Autonomie zum Ausdruck kam. Überhaupt verstand es die Menschheit, in der Praxis den wahren Nationalismus von dem irrigen, den sich wehrenden Nationalismus von dem despotischen zu unterscheiden; nur in der Theorie herrscht noch eine starke Verwirrung auf diesem Gebiete. In einem der folgenden Kapitel werde ich die Frage der ,,Ethik des Nationalismus" ausführlich behandeln. Hier können wir aber schon auf Grund der oben durchgeführten Untersuchung, das ethische Kriterium des jüdischen Nationalismus in allgemeinen Zügen feststellen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der jüdische Nationalismus seinem Wesen nach nichts gemeinsam haben kann mit dem, was wir als nationalen Egoismus oder Machtnationalismus bezeichnen. Als geistige oder kultur-historische Nation, die keine Möglichkeit hat, politische Siege, gewaltsame Gebietseroberungen oder die kulturelle Unterwerfung anderer Völker anzustreben, kann das jüdische Volk vielmehr nur auf das eine bedacht sein: auf die Erhaltung und autonome Entfaltung seiner Individualität inmitten der Völker, mit denen es in der Diaspora politisch verbunden ist. Die jüdische Nation kann aggressiv nationale Bestrebungen nicht einmal in dem Maße hegen, in welchem sie anderen, politisch abhängigen, aber auf ihrem Territorium wohnenden Völkern eigen sind, die darauf ausgehen, die in ihrer Mitte lebenden nationalen Minderheiten zu entnationalisieren (D erart war beispielsweise das Verhalten der Polen vor dem Weltkriege gegenüber den Juden in Russisch- Polen und gegenüber den Ruthenen und Juden in Österreich). Der jüdische Nationalismus ist vielmehr der reinste Typus des kollektiven Individualismus, der sich zwar gegen Angriffe wehrt, sie aber selbst niemals unternimmt noch auch unternehmen kann. Dieser Nationalismus erscheint als ein Postulat der höchsten sozialen Gerechtigkeit, die die Anerkennung der Gleichwertigkeit der Nationen fordert in dem Sinne, daß sie einer jeden von ihnen ein Recht auf Selbstbestimmung und innere Autonomie zuerkennt. Heißt dies aber sich von den umgebenden Völkern abschließen, sich ihnen entfremden, sich in sein Gehäuse zurückziehen? Mit nichten. Muß man denn, um ein gutes, tüchtiges Mitglied der Menschheit zu sein, seine Persönlichkeit aufgeben, seinen Charakter und seine Neigungen nach einer allgemeinen Schablone nivellieren? Bilden doch solche schablonenhafte Massentypen in jeder Gemeinschaft nicht das aktive, schöpferische Element, sondern die passive, träge Masse. So ist auch im Verbände der Völker eine entpersönlichte Nation in sozialer Beziehung 54