Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 53 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alte und das neue Judentum nationalen Egoismus. Der nationale Individualismus, dessen historische und psychologische Grundlagen oben aufgezeigt wurden, ist das Streben eines Volkes, seine Eigenart und die innere oder äußere, kulturelle oder politische Autonomie zu erhalten und weiter zu entwickeln, die ihm eben diese Freiheit der Entwicklung verbürgt. Es ist ein hohes und fruchtbares Streben der nationalen Individualität, ihrem Wesen treu zu bleiben, ihren historischen Typus zu vervollkommnen, die Freiheit der eigenen Kollektivpersönlichkeit zu schützen. Dieses Streben aber entspricht durchaus den höchsten Prinzipien der Ethik und des sozialen Fortschritts, die in der dreifachen Formel der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit'4 ihren Ausdruck finden. Die Freiheit der nationalen Individualität leitet sich von der Freiheit des einzelnen Individuums her: gleichwie die einzelne Persönlichkeit der Freiheit innerhalb der Gesellschaft bedarf, so muß auch die Nation im internationalen Zusammenleben frei sein. An das Prinzip der Freiheit schließt sich das dieses einschränkende Prinzip der Gleichheit an: alle Kulturnationen, unabhängig von der Zahl und der politischen Lage einer jeden, sind einander gleichwertig im Sinne der Unveräußerlichkeit ihrer nationalen Rechte; sind also einige Nationen in einem und demselben Staate zusammengeschlossen, so darf keine von ihnen als „Herrschernation" die Individualität der nationalen Minderheiten innerhalb des Staatsverbandes unterdrücken. Werden alle diese Bedingungen gewahrt, so ist auch die „Brüderlichkeit44 der Völker möglich, d. b. das friedliche Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, von denen keine bestrebt ist, die andere zu unterdrücken oder zu entpersönlichen. — Das ist nationaler Individualismus. Der nationale Egoismus hingegen ist die Negation der angedeuteben fortschrittlichen Prinzipien. Er bedeutet das Streben der vorherrschenden Nation, die von ihr abhängigen Völker zu versklaven; er bedeutet das Streben des Volkes, das in einem Staate oder in einem Gebiete in der Mehrheit ist, seine Sprache und Schule, seine öffentliche Organisation, seine Wirtschaftsformen der Minderheit aufzuzwingen und sie sich dadurch kulturell zu unterwerfen. Das ist eine Leugnung sowohl der Freiheit als auch der Gleichheit in den internationalen Beziehungen, das ist der Grundsatz von dem Rechte des Stärkeren, das Prinzip der Unterdrückung und des Hasses. Der nationale Egoismus besitzt einen aggressiven Charakter, während der nationale Individualismus seinem Wesen nach defensiv ist und eine Abwehrbewegung darstellt. Der erste äußert sich in den von der sozialen Ethik verworfenen Formen des „Staatsvolkes44 und der Herrschaft des „Wirtsvolks44; der zweite fand immer den Beifall der fortschritt- 53