Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 52 (sequence 21)
- Language
- German
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Simon Dubnow Bedeutung in der Vergangenheit, auf seine Verdienste um die Gesamtentwicklung, auf seinen Beitrag zur Geschichte der Menschheit hinzuweisen, um seinen Anspruch auf eine autonome nationale Existenz zu rechtfertigen. Auch das jüdische Volk kann sich auf derartiges berufen, vielleicht mit noch größerem Rechte als andere Völker. Dieses Argument müßte schon genügen, um jenen die Schamröte ins Gesicht zu treiben, die zu behaupten wagen, daß der Nestor der Geschichte, vor dessen Augen ganz Europa den Weg von der Barbarei zur Zivilisation zurücklegte und der im Vorübergehen der Menschheit zwei Weltreligionen bescherte, um dann seinen eigenen Weg stolz weiter zu ziehen — daß dieses alte Volk seine Individualität aufgeben müsse und sich mit Nationen von einer nicht so alten und erprobten Geisteskultur verschmelzen solle. Einem solchen schmachvollen Ansinnen braucht die nationalgesinnte jüdische Intelligenz nicht die Prätention irgend einer besonderen ,,Sendung" des Judentums entgegenzusetzen, sondern den festen Willen eines Volkes, das seine autonome Existenz fortzusetzen entschlossen ist. Unsere Losung ist: nicht eine apriorische ,,Nationalidee" als eine idee fixe, sondern die konkrete Idee der Nationalität im Sinne der Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf nationale Selbstbestimmung. Wir knüpfen also die jüdische Nationalidee weder an eine providentielle Sendung noch an die überlieferten Formen des Judaismus, sondern verbinden sie mit der Freiheit des weiteren Wachstums des Volkes auf seinem geistigen Boden. Nicht mit einer ein für allemal fixierten, sondern mit einer ununterbrochen sich entwickelnden autonomen Kultur verbinden wir die Zukunft des jüdischen Volkes; die autonome Kultur wird aber unbedingt eine nationale Kultur sein, d. h. eine Fortsetzung und Vervollkommnung dessen, was das Volk im Laufe seines ganzen bisherigen historischen Lebens hervorgebracht hat. V. Gegen den jüdischen Nationalismus werden indessen gewöhnlich dieselben Argumente ins Feld geführt, die man gegen den Nationalismus überhaupt, als eine den höchsten Prinzipien des sozialen Fortschritts angeblich widersprechende Erscheinung geltend zu machen pflegt. Immer wieder sieht man sich genötigt, diesen Einwänden entgegenzutreten, die auf einer Verwechslung nicht nur heterogener, sondern auch entgegengesetzter Begriffe beruhen. Das Vorurteil gegen das Prinzip der Nationalität ist zumeist auf eine irrige Auffassung seines Wesens zurückzuführen. Es gibt nämlich zwei Formen des Nationalismus: erstens den nationalen Individualismus und zweitens den 52