Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 51 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alte und das neue Judentum der die Macht der Überlieferung so stark ist wie bei den Juden". Nach dem Hinweis auf die gleiche Buntheit der kulturellen Schichtungen auch in der französischen Geschichte gelangt der Verfasser zu dem abschließenden Ergebnis: ,,Eine gemeinsame Idee, die sich durch die ganze Geschichte einer Nation zieht, gibt es nicht", es gibt vielmehr nur eine zeitweilige Hegemonie einer Nation auf dem Gebiete der einen oder der andern Idee1). Es liegt mir nun durchaus fern, diese allgemeine Schlußfolgerung anzufechten, zumal ich ja selbst oben die Mannigfaltigkeit der Schichtungen der jüdischen Kultur überhaupt und insbesondere ihres ausgedehnten Gebietes, das als Judaismus bezeichnet wird, anerkannt habe. Ich bin ebenso weit entfernt von der Theorie der prästabilierten nationalen ,,Mission" wie von der Fixierung des ,,Nationalgeistes" auf eine bestimmte Form. Eine solche Theorie zu vertreten, würde heißen, einerseits sich in das Gebiet der historischen Metaphysik begeben, andererseits mit jenen Ideologen der Reaktion wetteifern, die den „nationalen Geist" mit irgend einer ihrer religiösen, sozialen oder staatlichen Lieblingsideen verknüpfen. Ich bin vielmehr mit Prof. Peter Struve darin vollkommen einverstanden, daß „jedes Streben, einen bestimmten Inhalt grundsätzlich und für immer mit der Form des Nationalgeistes zu verbinden, bedeutet, diesen aus einem fließenden Prozeß in ein erstarrtes Wesen mit einem ein für allemal gegebenen Inhalt verwandeln zu wollen"; ebenso stimme ich ihm dajin bei, daß „der nationale Geist in dem ewig schöpferischen Prozeß des Volkslebens stets von neuem „erschaffen wird" 2). All dies schließt indessen durchaus nicht die Möglichkeit aus, auf empirischem Wege einen Zug oder einige Züge, die für die Geschichte einer bestimmten Nation kennzeichnend sind, festzustellen. In der Entwicklung des Judentums beispielsweise gibt es zwar keine sich durch alle Epochen hindurchziehende Idee, wohl aber ein dieser Entwicklung innewohnendes ideelles Streben: ein ununterbrochenes geistiges Schaffen und eine außergewöhnliche Empfänglichkeit für die fortschrittlichsten Ideen des Jahrhunderts. In seiner jahrtausendelangen Geschichte ein ständiges Betriebskapital an Ideen besitzen, eine von Rückfällen in die Barbarei nicht unterbrochene Kulturgeschichte sein eigen nennen können, — das allein ist ein Charakteristikum, das selbst bei Völkern, die hohe Stufen der Zivilisation erklommen haben, nicht oft anzutreffen ist. Jedes Volk hat das Recht, auf seine „Historische Briefe", Kap. „Die Nationalitäten in der Geschichte'4. 2) P. Struve, „Über verschiedene Themata", Art. „Worin bestellt der wahre Nationalismus"? — Später vermochte Struve nicht diesen Standpunkt aufrecht zu erhalten und geriet auf die schiefe Ebene der Reaktion. 4® 5i