Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 50 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Simon Dubnow reißt den Juden von seiner Nation nicht los, solange er sieh nicht selbst von dieser ausdrücklich lossagt; der formelle Übertritt zu einer anderen Religion bedeutet aber faktisch, bei der heutigen Lage der jüdischen Diaspora, den Austritt aus der jüdischen Nation, wenn nicht für den Abtrünnigen selbst, so doch für seine Nachkommenschaft, die auch in nationaler Beziehung mit der nicht jüdischen Bevölkerung verschmelzen muß. Im Tiefsten seiner Seele mag mancher getaufte Jude sich für einen ,,Christen jüdischer Nationalität" halten, in Wirklichkeit ist er von dieser bereits losgetrennt. Eine Ausnahme waren in der Vergangenheit die Marranen, die unter der ihnen aufgezwungenen Maske des Christentums sich zum Judentum bekannten und ihre Kinder im gleichen Geiste erzogen. Ein Jude kann also in religiöser Beziehung aktiv oder passiv, real oder nominell Jude sein; ja er kann sogar konfessionslos sein; aber die Abwendung vom Judentum durch formellen Übertritt zum Christentum ist mit dem Austritt aus der jüdischen Nation gleichbedeutend. In seinen „Historischen Briefen'' untersucht der russische Publizist Lawrow-Mirtow die Frage, ob es richtig sei, daß jede historische Nationalität in der Gesamtentwicklung der Menschheit ihre eigene Idee verwirklicht, genauer gesprochen: ob es eine typische Nationalidee gibt, die ,,nicht auf eine Epoche beschränkt ist, sondern alle Epochen des nationalen Lebens zur Einheit verbindet"? Der Verfasser verneint diese Frage und beruft sich zum Beweise auf das Beispiel zweier „unzweifelhaft geschichtlicher Nationalitäten" — der Juden und der Franzosen. Über die Juden sagt er: „Trotz ihrer geringen Zahl spielten die Juden eine historische Bolle im Altertum und im mittelalterlichen Europa; auch in unserer Zeit entbehren sie nicht einer geschichtlichen Bedeutung . . . Die Namen jüdischer Sozialisten sind sowohl in die Annalen der Wissenschaft als in die Geschichte der sozialen Bewegung der ganzen neuesten Periode so unauslöschlich eingetragen, daß ihr Einfluß, der von ihrer Nationalität kaum ganz losgelöst werden darf, unbestreitbar erscheint. Sogar die antisemitische Bewegung der neueren Zeit stellt in pathologischer Form eine Anerkennung der Feinde der Juden dar, daß diese in ihrer Gesamtheit eine soziale Macht bilden, die die wesentlichsten Funktionen der heutigen Gesellschaft beeinflußt. Kann man aber auch nur einen Augenblick lang annehmen, daß die Propheten der Epoche des ersten Zusammenbruchs Jerusalems, die mittelalterlichen Kabbalisten, die Talmudisten, die Übersetzer von Averroes und die Zeitgenossen von Heine, Rothschild, Meyerbeer, Marx und Lassalle alle eine und dieselbe Idee vertreten haben? Und dabei gibt es doch kaum eine Nation, die von den anderen so getrennt lebt und in 5o