Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 49 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alte und das neue Judentum des „Mosaismus" an. Die Anhänger des theologischen Rationalismus finden Befriedigung in unserer reichhaltigen Religionsphilosophie des Mittelalters. Der freidenkende Jude, der überhaupt keine Religionsdogmen anerkennt, findet in der Lehre der biblischen Propheten eine erhabene ethische und soziale Weltanschauung. Der Prophetismus mit seinen universalen Idealen trägt alle Keime in sich, um zur Religion der Zukunft, zur Ethik der freien Gesellschaft zu werden1). Die Anhänger der Mystik werden ungeheure, noch brach liegende mystische Gebiete in der Kabbala, noch mehr aber im Chassidismus, der „Religion des Herzens", finden. Man kann also ein Jude im Geiste der Propheten oder des Talmud, des Maimonides oder des Schulchan- Aruch, Mendelssohns oder Baalschems, Geigers oder Hirsch's sein, nur darf man das Wesen der jüdischen Nationalidee nicht leugnen. Dagegen kann man sich kaum vorstellen, daß irgend jemand aus unserer ungläubigen nationalen Intelligenz, die in ihrer Mehrzahl doch zum wissenschaftlichen Positivismus oder Evolutionismus neigt, sich entschließen könnte, die Fahne des Judentums, die auch ein nationales Symbol ist, zu verlassen und aus Überzeugung unter die Fahne einer fremden Religion zu treten. Derjenige, dessen Gewissen sich nicht einmal mit der freien Dogmatik des Judentums versöhnen kann, wird kaum in der mystischen Dogmatik und Symbolik des Christentums Befriedigung finden können. Schon Diderot sagte, daß der Weg des Zweifels vom Christentum zum Judentum und von diesem zum philosophischen Deismus führe. Auch seine sozial-ethische Ideale wird der Ungläubige eher in der klaren Lebenslehre der biblischen Propheten als in der evangelischen Lehre „nicht von dieser Welt" wieder erkennen. Der ungläubige Jude kann also entweder nominell in den Reihen der Anhänger des Judentums verbleiben, mangels einer anderen, seiner freien philosophischen Anschauung mehr entsprechenden Religion, oder aber sein Gewissen dadurch beruhigen, daß er sich den außerhalb der Synagoge stehenden „Konfessionslosen" oder Dissidenten anschließt, keinesfalls jedoch kann er mit reinem Gewissen zu einer fremden Kirche übertreten. Der Unglaube 1) Einen Versuch in dieser Richtung hat der bedeutende Orientalist James Darmsteter in seiner Skizze „Les Prophetes d'Israel" (Paris 1892) unternommen. — Ich glaube, daß Spinoza sich seinen Volksgenossen nicht entfremdet hätte, wenn das geschichtliche Nachdenken ihn und die Amsterdamer Juden zu der Überzeugung geführt hätte, daß man ein nationaler Jude bleiben kann, ohne rechtgläubig im traditionellen Sinne zu sein. Allein das XVII. Jahrhundert war für eine solche weltliche Auffassung der jüdischen Nationalidee noch nicht reif. 4 Der Jude, IX, Sonderheft III. 49