Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 48 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Simon Dubnow bedingung der Nationalität, die auch ohne ihn, nur kraft der historischen Bindungen und der sozialen Faktoren bestehen kann". In der Praxis würde diese letzte Ansicht zur Toleranz gegenüber dem. Renegatentum führen: ein Jude könnte sich vom Judentum zugunsten einer anderen Religion lossagen und dennoch, dieser Theorie zufolge, ein Jude seiner Nationalität nach bleiben. Eine solche Ansicht wäre jedoch die gefährlichste Verirrung. Indem wir die Verweltlichung der Nationalidee und ihre Trennung von der Religion anstreben, wollen wir nur, daß die Religion nicht vorherrschen, nicht aber, daß sie aus dem geistigen Besitzstand der Nation ganz und gar ausgeschaltet werden soll. Wenn wir für die Existenz des Judentums als eines kulturhistorischen Typus eintreten, so dürfen wir nicht vergessen, daß die jüdische Glaubenslehre einen der wichtigsten Bestandteile dieser nationalen Kultur darstellt, dessen Ausscheidung einer teilweisen Unterwühlung des nationalen Fundaments gleichkommen würde. Der Unterschied zwischen uns und den Orthodoxen besteht darin, daß diese das traditionelle Judentum als etwas in seinen Formen ein für allemal Fixiertes ansehen, während wir ein evolutionäres Judentum anerkennen, das seine Formen wechselte und wechselt, das sich an die Bedingungen der neuen Kultur fortwährend anpaßt; sie erkennen ein unwandelbares Dogma, wir eine schöpferische Entwicklung an. Nun wird man mich aber fragen: Was sollen die tun, die ihrer Überzeugung nach überhaupt keine Religion oder insbesondere die jüdische Religion nicht anerkennen? Diese Frage verdient besondere Aufmerksamkeit. In der Tat: das geschichtliche Judentum ist nicht wie das Christentum oder der Islam nur eine Religion; es ist vielmehr eine verschiedenartige Nationalkultur in einem religiösen Gewände. Infolge der eigenartigen geschichtlichen Bedingungen, die fast alle Lebensäußerungen des Juden in die Sphäre der religiösen Autorität rückten, wurde der Judaismus somit zu einer allumfassenden Weltanschauung, die in sich Elemente der Religion, der Lebenspraxis, der Moral, der sozialen Ethik, der Politik, der Philosophie, der Mystik und des Messianismus begreift. Auf jedem dieser Gebiete häufte die Geschichte verschiedenartigste Schichten auf. Der Judaismus ist daher so umfassend und mannigfaltig, daß fast jedermann ihm entnehmen kann, was seiner persönlichen Überzeugung entspricht. Der orthodoxe Jude akzeptiert alle Dogmen und Riten des Judaisums, so wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet hatten und in der letzten rabbinischen Kodifikation erstarrten. Der reformierte Jude scheidet die Vorschriften der Rabbiner und sogar des Talmud aus und erkennt nur die Grunddogmen und die geschichtlichen Riten 4«