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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 43

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Das alte und das neue Judentum
Date
1925-01-01
Page
43 (sequence 12)
Language
German
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Das alte und das neue Judentum behoben ist. Ohne auf die Einzelheiten dieses Streites einzugehen, möchte ich hier nur eine Beobachtung feststellen: in den wissenschaftlichen Begriffsbestimmungen der „Nation" vollzieht sich der gleiche Übergang von physischen Merkmalen zu geistigen, wie in dem oben charakterisierten Prozeß des geschichtlichen Werdens der Nationen selbst. Die Philosophen der alten Schule definierten die Nationalität nur als Produkt der Basse, des Bodens und des Klimas. Die Juristen und Politiker der Neuzeit identifizierten lange Zeit die Begriffe „Volk" und „Staat" miteinander. Sie nahmen den vereinfachten Typus des Staates zum Vorbild, in dem national gemischten aber verurteilten sie die nationale Minderheiten zur Verschmelzung mit der herrschenden Mehrheit. (Diese Ansicht galt in der Epoche der großen französischen Revolution und erhielt sich auch nachher lange in der Rechtswissenschaft.) Liberale Politiker ließen sich herbei, jenen Nationen, die zwar politisch abhängig waren, sich ihr Territorium und ihre Sprache aber erhalten hatten, einen Anspruch auf Autonomie zuzuerkennen. Erst in jüngster Zeit setzt sich die Anschauung immer mehr durch, daß als Nation ein jedes kulturhistorisches Kollektiv u m anzusehen ist, das sich als Nation empfindet und den ausgesprochenen Willen bekundet, seine geschichtliche Entwicklung auch in der Zukunft fortzusetzen, gleichviel ob es seine äußeren Attribute: den Rassentypus, das Territorium, den Staat oder die Sprache aus der Vergangenheit herübergerettet oder sie eingebüßt hat. Die objektiven M erkmale der Nationalität räumen in den wissenschaftlichen Definitionen ihren Platz immer mehr den subjektiven Merkmalen ei n1.) 1) In seinen „Reden an die deutsche Nation'c stellte Fichte zuerst das geistige Element des nationalen Typus in den Vordergrund, hob es aber nicht aus den territorial-politischen Elementen heraus, und verschmolz den staatsbürgerlichen Begriff des „Patriotismus" mit dem psychologischen des Nationalismus4'. Renan betonte, wie erwähnt, das subjektive Moment des Willens im nationalen Bewußtsein als Produkt gemeinsamer geschichtlicher Erlebnisse. F o u i 11 6 e resümiert seine Untersuchung über die Faktoren des nationalen Charakters in der folgenden Weise: Das Volk ist vor allem eine Gesamtheit von Menschen, die sich als Nation betrachten, eine geistige Schöpfung jener, die sie ununterbrochen schaffen; ihr Wesen besteht in ihrem Bewußtsein. — Das Ergebnis, zu dem der österreichische Politiker KarlRenner (Springer), der seine Arbeit der Erforschung der nationalen Frage gewidmet hat, gelangte, lautet: Die Nationalität ist eine geistige und kulturelle Schicksalsgemeinschaft, deren Mitgliedschaft durch den Willen und die entsprechende Erklärung des Einzelnen festgestellt wird („Staat und Nation", 1899, veröffentlicht unter dem Pseudonym Synopticus). Später legte der gleiche Verfasser diese subjektive Konzeption der 43

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