Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 42

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Das alte und das neue Judentum
Date
1925-01-01
Page
42 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110419--8015-3110490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Simon Dubnow gleiterscheirrung der jüdischen Geschichte), aber schließlich blieb ein gesunder nationaler Kern erhalten, der durch vererbte Energie und hohe Anspannung des nationalen Willens stark war. Man muß nämlich stets dessen eingedenk sein, daß die Nation gleichzeitig die Schöpferin und die Schöpfung ihrer Geschichte ist. Sie schafft ihre Kultur in jeder historischen Epoche und erscheint zugleich als Produkt dieses Schaffens in der Gesamtheit der Epochen — in der Geschichte. Da die Nation nicht nur eine Summe von Individuen, sondern auch von Generationen, eine Summe nicht nur koexistierender, sondern auch aufeinanderfolgender menschlicher Gruppen ist, so wirkt in ihr unter der Schwelle des Bewußtseins eine Kraft der Vererbung, die die Resultante verschiedener historischer Erlebnisse darstellt, dem Leben der Nation Richtung gibt und in Wettstreit mit den Einflüssen der Umwelt tritt. In einer lebendigen Nation gibt es stets eine Wechselwirkung zweier Kräfte: der Anhäufung der Kultur und der angehäuften Kultur, der Arbeit des lebenden Geschlechts und des Kulturkapitals vergangener Geschlechter. Durch diese Wechselwirkung wird die nationale Individualität geschmiedet. I n einer Reihe von Generationen entsteht die nationale Typizität, die ihr Gepräge dem Leben des Individuums verleiht, und sie würde unendlich weiterwachsen, wenn nicht ein Teil von ihr durch die Notwendigkeit, sich an die Umwelt anzupassen, verwischt worden wäre. Wo die Ausbildung der Eigenart diesen Verlust wettmacht, ist die Nation lebensfähig; anderweitig geht sie dem Absterben durch Assimilation und der völligen Auflösung inmitten der anderen Völker entgegen. Besitzt ein Volk solche isolierenden Kräfte wie ein eigenes Territorium und einen eigenen Staat, eigene Sprache, Schule und andere Kultureinrichtungen, so ist seine eigenartige Entwicklung selbst dann gesichert, wenn die Volksindividualität schwach ausgeprägt ist. Der völlige Mangel oder die Schwäche dieser äußeren Schutzmittel des nationalen Typus kann aber nur durch die Stärkung der inneren Hüter ersetzt werden, und zwar durch die Anspannung des nationalen Willens in der Richtung einer autonomen kulturellen Entwicklung, sowie durch energische Abwehr gegen die assimilierenden Wirkungen der Umgebung — ein Prozeß, der für die Geschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora besonders kennzeichnend ist. III. Was ist nun also letzten Endes das sicherste Merkmal der Nationalität? Wir schneiden damit eine Frage an, die sowohl in der Sozialwissenschaft als auch in der Praxis bis auf die jüngste Zeit lebhaften Streit erregte, der auch heute noch nicht ganz 42

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.