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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 44

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Das alte und das neue Judentum
Date
1925-01-01
Page
44 (sequence 13)
Language
German
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Simon Dubnow Nach den Soziologen und Philosophen werden nun auch die Staatsmänner zu dem Ergebnis gelangen müssen, daß gerade die subjektiven oder geistigen Faktoren des nationalen Typus dessen Evolution krönen, während alle materiellen Faktoren nur Stufen sind, die zu diesem Gipfel führen: zur Entstehung einer fest in sich ruhenden, selbstbewußten nationalen Individualität. Ebenso wie in der Familie die geistige Gemeinschaft auf den höheren Stufen der kulturellen Entwicklung wichtiger wird als die Blutsverwandtschaft (gibt es doch Fälle, in denen eine Familie wegen sittlicher oder ideeller Differenzen zerfällt), so ist auch in der Volksfamilie des höheren Typus die Gemeinsamkeit geistigkultureller Bestrebungen das entscheidende Bindeglied1). Was ist denn die stärkste Triebfeder im Kampfe der heutigen Völker um ihre politische Unabhängigkeit oder um territoriale Autonomie, wenn nicht die Sorge um Erhaltung und freie Entwicklung ihrer nationalen Kulturwerte und ihrer eigenen geschichtlichen Individualität? Als beispielsweise Deutschland zu Beginn des XIX. Jahrhunderts gegen die Oberhoheit Napoleons I. und später Italien gegen die österreichische Herrschaft kämpften, wurde die Fremdherrschaft aus dem Grunde bekämpft, weil sie als Eingriff einer heterogenen nationalen Kultur in das deutsche und das italienische Leben empfunden wurde. In allen Freiheitsnationalen Idee seiner Theorie der personalen Autonomie zugrunde, worüber weiter unten die Rede sein wird. 1) In dem Bestreben, den Antisemitismus wissenschaftlich zu widerlegen, suchte Renan in seiner Vorlesung „Das Judentum als Rasse" (1883) den gemischten Charakter des jüdischen Rassen typus nachzuweisen. Ich halte Renans Argumente für übertrieben und glaube, daß die Juden unter den anderen alten Nationen den am wenigsten gemischten Rassentypus darstellen, sehe aber in der Theorie von Renan keinen Grund, den jüdischen National typus zu leugnen. Man kann getrost Renans Schlußfolgerung in der erwähnten Vorlesung beipflichten: ,,In der Frage der Nationalität weisen wir dem Rassenelement eine sekundäre Stellung zu. Das ethnographische Element, das im Anfang der Geschichte so wichtig ist, verliert seine Bedeutung in dem Maße, in dem sich die Zivilisation weiterentwickelt.'; Es ist aber unbegründet, wenn sowohl Renan selbst als auch die französischjüdischen Assimilanten, die ihm Beifall spendeten, aus dieser sekundären Bedeutung des Rassenelementes die Notwendigkeit für die Juden folgerten, sich den anderen Nationen zu assimilieren. Sie ließen dabei eben jenen riesigen kulturhistorischen Überbau über dem Rassensubstrat außer acht, der die Nationalität bildet und sie gerade ,,in dem Maße der Entwicklung der Zivilisation" aufrechterhält. Ein krasses Beispiel ist der nationale Abfall der Karäer vom Judentum, der ihrem religiösen Abfall folgte. Ein Glied der jüdischen Volksfamilie wurde uns fremd, nachdem es unserer historischen Entwicklung abtrünnig geworden war. Die Bande des Bluts zerrissen, sobald sich die geistigen Bande gelöst hatten. 44

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