Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 41 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alte und das neue Judentum Litauen. So lebt der in seine ursprünglichen Zellen — die Gemeinden — zerfallene staatliche Organismus wieder in neuer Gestalt auf: in der Form von Verbänden autonomer Gemeinden, die sich ihre innere Selbstverwaltung sogar in den Zeiten völliger bürgerlicher Entrechtung bewahren. Der nationale Verband wird durch die strenge Disziplin der Gesetze, durch jene Nomokratie zusammengehalten, die stets die Autorität der Religion zur Aufrechterhaltung der nationalen Einigkeit benutzte. Es war ein Ersatz des Staates, aber kein schlechter Ersatz, wenn man berücksichtigt, was der reale Staat im Mittelalter und in der Neuzeit darstellte. Welche Kraft hat nun aber die staatenlose, landlose und zerstreute Nation im Laufe all dieser Jahrhunderte aufrechterhalten? Die biblische Lehre, die Disziplin des Talmud und des Rabbinismus, die Absonderung des Ghetto, die innere Autonomie, der messianische Glaube an die politische Wiedergeburt? Wohl all dies, doch nur als Äußerungsformen des nationalen Daseins, und zwar unbeständige, geschichtlich wechselnde Formen. Der Grund der Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes bestand aber darin, daß es nach der Überwindung des Rassenstadiums, des primitiven Kulturstadiums und des territorial-politischen Stadiums seiner nationalen Entwicklung sich in dem höchsten Stadium — dem geistigen oder kulturhistorischen — zu verwurzeln vermochte und als geistige Nation, die kraft eines elementaren oder bewußten Daseinswillens lebt, sich zu behaupten verstand. Dies vermochte aber das jüdische Volk deshalb, weil in der Kombination der Kräfte, die die jüdische Nationalität bildeten, die physischen, politischen und materiell-kulturellen Faktoren sich mit einer größeren Menge geistig-kultureller Elemente als bei anderen Völkern verbanden. Die Intensität der geistigen Faktoren ersetzte hier stets die Einbuße an politischen, ebenso wie beispielsweise bei den Blinden der Verlust des Sehvermögens durch eine entsprechende Verfeinerung des Gehörs und des Tastsinns ersetzt wird. Die Vererbung festigte in einer langen Reihe von Generationen die eigenartigen Züge, Emotionen, geschichtlichen Neigungen, all die Spuren des Erlebten und Erlittenen. Die kollektive Individualität vertiefte sich, die Widerstandskraft gegen den entnationalisierenden Einfluß der fremden Umgebung mehrte sich, neue Mittel des Kampfes um die nationale Existenz unter den ungünstigsten Bedingungen ergaben sich. Wohl gab es in diesem jahrhundertelangen Kampfe gefährliche und kritische Momente, Zeiten einer scharfen nationalen Auslese, da die schwachen Teile der Nation abfielen und in den anderen Völkern aufgingen (diese Selektion ist in höherem oder geringerem Grade eine ständige Be- 4i