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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 39

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Das alte und das neue Judentum
Date
1925-01-01
Page
39 (sequence 8)
Language
German
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Das alte und das neue Judentum Macht der großen Raubstaaten Assyrien und Babylonien sowie die drohende Gefahr des politischen Zusammenbruchs des kleinen jüdischen Staates zwingen die Propheten darauf zu dringen, daß der Mitteplunkt des nationalen Beharrungsvermögens aus dem politischen Gebiet in das sozial-geistige verlegt werde. Die Propheten behaupten, daß politische Schwäche, ja sogar Unterwerfung keine Gefahr seien, wenn die Nation innerlich geschlossen bleibt, denn der Staat sei für die Nation dasselbe wie die Hülle für den Kern: ein fester Kern könne auch ohne Hülle erhalten bleiben. Die Propheten sind bestrebt, das Volk mit einem Schlag auf den Gipfelpunkt der nationalen Existenz zu erheben, doch eilen sie der Zeit voraus. Im Kampfe um die nationale Existenz mußte erst eine Auslese stattfinden: die schwachen Elemente hielten dem Anprall der politischen Wogen nicht stand und verschmolzen mit den Völkern der Umwelt (das israelitische Nordreich), die standhafteren Elemente erhielten sich und gingen langsam aber sicher den Weg, der zur Bildung des geistigen Typus der Nation führte. Dieser Typus bewies seine Lebensfähigkeit zuerst in der kurzen Epoche des babylonischen Exils, in der das jüdische Volk gleichzeitig seine politische Selbständigkeit und teilweise sein Territorium einbüßte; sodann in der langen Epoche der persischen und griechischen Herrschaft, als dem Volke das Territorium ohne politische Selbständigkeit zurückgegeben wurde. War das theokratische Regime (genauer: das hierokratische — die Herrschaft der Priester) in diesen Epochen zwar von den höchsten Idealen der Propheten noch weit entfernt, so festigte es doch die Existenz der Nation auf den Grundlagen einer breiten sozialen und kulturellen Autonomie. Nach Esra wuchs und erstarkte das „Volk des Buches", in dem das Wissen aufhörte, ein Monopol der Priester zu sein, sondern zum Besitztum auch der Laien wurde. Es kristallisierte sich eine trotz der Unterschiede der sozialen Klassen in sich geschlossene nationale Masse heraus, gleich einer felsigen Insel inmitten des bewegten Ozeans der umgebenden Völker. Zu dieser Insel fühlten sich auch die Splitter der jüdischen Diaspora, die über ganz Vorderasien und Nordafrika zerstreut waren, mit magnetischer Kraft hingezogen. Und als ein neuer Sturm der Geschichte sich erhob: die verlockende griechische Kultur, der die Götter und die Menschen Asiens nicht widerstehen konnten, da erbebte wohl die kleine jüdische Insel, hielt aber stand. Es trat jene in der Weltgeschichte so seltene Erscheinung an den Tag, daß nicht zwei politische Mächte, sondern zwei Kulturen, zwei Weltanschauungen: das Judentum und das Hellenentum miteinander um den Vorrang rangen. Der Sieg des Judentums gab 39

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