Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 38 (sequence 7)
- Language
- German
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Simon Dubnow II. Das Element der Rasse bestimmte den Typus der jüdischen Nation vor der Königsepoche unserer Geschichte. Aus verschiedenen Teilen semitischen Ursprungs (den Semiten Mesopotamiens, denAramäern und den „Hibrim") entsteht der Keim eines Nomadenvolkes unter dem Namen „Bne-Israel", Israeliten. Die Landschaften Mesopotamiens, Palästinas, Ägyptens und der Wüste Sinai geben dieser Gruppe miteinander verwandter Klans oder „Stämme" ihr Gepräge. Der Charakter dieser Gruppe von Stämmen wirdim Kampfe nicht nur mit der Natur, sondern auch mit den Menschen (Epoche der Sklaverei in Ägypten) gestählt. Durch die Eroberung Kanaans erhalten die Israeliten einen mächtigen Vereinigungsfaktor — das ständige Territorium. In der Epoche der ,,Richter'" ist noch das Skelett des Rassenorganismus — die Stammesverfassung und der Separatismus der einzelnen Stämme — zu sehen; aber dieses Skelett überzieht sich allmählich mit der Kaut des gemeinsamen Territoriums, und der Augenblick des politischen Zusammenschlusses der Nation rückt immer näher heran. Er vollzieht sich in der Epoche der ersten Könige Saul, David und Salomon. Schon wirft die „Großmachtidee44 im Israelitischen Reiche ihren Schatten voraus: es macht sich das Streben geltend, die Nachbarvölker zu unterwerfen, um die eigenen Landesgrenzen zu sichern. Allein die Rolle eines Eroberervölkes übersteigt die Kräfte Israels bei der damaligen Verteilung der politischen Macht in Vorderasien und bei der Lage Palästinas als Korridors zwischen den Reichen Mesopotamiens und Ägyptens. Der noch nicht völlig verschwundene Rassenseparatismus der zwölf .„Stämme44 und ihr Streit um die Hegemonie durchbrechen indessen die Hülle der politischen Einheit: es setzt die Zeit des staatlichen Dualismus, die Epoche des Doppelreiches Israel-Juda ein. Unterdessen reift eine andere einigende Kraft heran — die Macht einer eigenartigen geistigen Kultur, in der die Pxeligion den höchsten Rang einnimmt. Aus dem Keime eines Stammesmonotheismus (mit der Losung: ,, Jahwe ist der Gott Israels44), der sich von dem Heidentum der Umwelt mehr äußerlich als dem Wesen nach unterscheidet, erwächst allmählich, nach einer Reihe von Schwankungen und Irrungen, das Ideal eines universalen Monotheismus (mit der Losung: Jahwe ist der Gott der Welt44), dessen Herold die israelitische Nation sein müsse. Um diesen religiösen Kern bildet sich das System erhabener sozialer und ethischer Ideale, die durch die leidenschaftliche Propaganda der Propheten in das öffentliche Leben eindringen. Der Prophetismus, der eine harmonische Verbindung des Universalen mit dem Nationalen erstrebt, sucht auch neue Wege zur inneren Festigung der Nation. Die wachsende 38