Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 37 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das alte und das neue Judentum autonomen Entwicklung in allen Sphären des Lebens und des Geistes suchen. Als Prüfstein der Lebensfähigkeit des nationalen Typus kann der Verlust der politischen Unabhängigkeit betrachtet werden, die gemeiniglich als conditio sine qua non der Existenz einer Nation zu gelten pflegt. Vermag ein Volk, das zwar seine staatliche Selbständigkeit eingebüßt, sein Territorium aber innerhalb des fremden Staates behalten hat, auch weiterhin als eigenartige Gesamtheit fortzuleben und erstrebt es das unter diesen Bedingungen größtmögliche Maß an innerer Autonomie, so besitzt es zweifellos einen gestählten nationalen Willen und einen erheblichen Vorrat an geistigen Lebenskräften. In einem solchen Zustand vermochten viele Nationen sich ihre Eigenart zu bewahren, von Griechenland und Judäa unter der römischen Herrschaft bis zu Irland und Polen in neuerer Zeit. Es gibt indessen noch eine härtere Probe der nationalen Reife, und zwar den Zustand, in dem eine Nation nicht nur ihre politische Unabhängigkeit, sondern auch ihr Territorium verliert, indem sie durch den Sturm der Geschichte von ihrem physischen Boden losgerissen, über fremde Länder verstreut wird und allmählich sogar die Einheit der Sprache einbüßt. Wenn nun selbst nach einer solchen Lösung der äußeren nationalen Bindungen diese Nation dennoch viele Jahrhunderte lang fortlebt, selbständig schöpferisch ist und ein beharrliches Streben nach einer weiteren autonomen Entwicklung zeigt, so hat eine solche Nation den Gipfelpunkt der kulturhistorischen Individualisierung erreicht und kann unter der Bedingung der weiteren Anspannung ihres nationalen Willens als unzerstörbar gelten. Die Geschichte kennt viele Beispiele des Untergangs von Nationen nach dem Verlust ihres Territoriums und nach ihrer Zerstreuung unter anderen Völkern, aber sie kennt nur ein einziges Beispiel der Fortdauer einer landlosen und zerstreuten Nation. Dieses geschichtliche Unikum ist das jüdische Volk. Ist es ein geschichtliches Wunder? Mit nichten. Das jüdische Volk ging durch dieselben Stadien der nationalen Entwicklung hindurch wie die anderen Völker; aber infolge der Eigenart seines historischen Schicksals gingen die Elemente, die den Typus der Nation bilden, bei ihm andere Verbindungen miteinander ein, gewannen andere Proportionen, und als Folge dieser Eigenart ergab sich eine ausgesprochene Vorherrschaft der geistigen Elemente über den physischen und politischen, ein Übergewicht der unveräußerlicher Errungenschaften über die veränderlichen. Ein flüchtiger Überblick über den Gang der jüdischen Geschichte wird uns dies vor Augen führen. 37