Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Das alte und das neue Judentum
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 36 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110419--8009-3110484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Simon Dubnow altruistischer Natur. Die Religion erhebt sich zur Höhe einer mehr oder weniger vollständigen Weltanschauung. Das sittliche Bewußtsein vertieft sich und nimmt bei den Glaubenslehrern oder „Weisen" die Form klarer ethischer Ideale an. Die Sprache, früher nur ein Mittel des alltäglichen Umgangs, wird jetzt zu einem Werkzeug des geistigen Verkehrs, der Schöpfung literarischer und wissenschaftlicher Werte. Die Glieder der Nation werden nicht nur durch gemeinsame Interessen, sondern auch durch gemeinsame Ideale, zuweilen auch durch Kampf und Leiden um dieser Ideale willen verbunden. Die Geschichte und die Überlieferung verherrlichen nunmehr nicht nur das Heldentum der Eroberung fremder Länder oder der Verteidigung des eigenen, sondern auch das Heldentum des Geistes, die Selbstaufopferung für die höchsten Werte der Kultur, für die Freiheit des Gedankens, des Glaubens, der Überzeugung, sie verewigen auch das Heldentum der Märtyrer. Diese geschichtlichen Überlieferungen begeistern die folgenden Geschlechter und umschließen die Nation mit einer mächtigen Kette gemeinsamer Sympathien und Antipathien x). Die Gemeinsamkeit der Abstammung, der historischen Erlebnisse und der geistigen Errungenschaften der Nation bilden das breite Fundament des nationalen Selbstbewußtseins. Fortan hängt die Zukunft der Nation vor allem von der größeren oder geringeren Kraft dieses Selbstbewußtseins, von dem Grade der Festigung des nationalen Charakters, von der Festigkeit der im Laufe der Jahrhunderte entstandenen kulturhistorischen Grundlagen sowie von der Fähigkeit der Nation zu weiterer selbständiger Entwicklung ihrer schöpferischen Kräfte ab. Der mächtige Instinkt der nationalen Selbsterhaltung wird nun für die Nation die Formen einer *) Auf dieses Stadium der nationalen Entwicklung trifft die [bekannte Begriffsbestimmung Ren ans zu: „Die Nation ist ein geistiges Prinzip, das Resultat tiefer geschichtlicher Einwirkungen, eine geistige Familie . . . Zwei Dinge, die im Grunde eins sind, bilden dieses geistige Prinzip: das eine ist in der Vergangenheit, das andere in der Zukunft. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Schatzes historischer Erinnerungen, das andere — ein allgemeines Übereinkommen und der Wunsch, zusammen zu leben und das Erbe weiter gemeinsam zu genießen . . . Die Nation als Individuum ist das Resultat andauernder Bemühungen, vieler Opfer und von Selbstaufopferung. Eine gemeinsame ruhmreiche Vergangenheit, gemeinsame Wünsche für die Zukunft, gemeinsame Vollbringung großer Taten und der Wunsch, sie wieder zu vollziehen — das sind die Hauptbedingungen des nationalen Daseins ... Dabei halten gemeinsame Leiden die Volksgenossen stärker zusammen als gemeinsame Freuden. In den nationalen Erinnerungen kommt der Trauer eine größere Bedeutung zu als dem Triumph: die Trauer legt bestimmte Pflichten auf und hat eine gemeinsame Willensanspannung im Gefolge" (Renan, ,,Qu' est ce qu'une nation?", Kap. II —III). 36