Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 29 (sequence 5)
- Language
- German
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Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl Freilich handelt es sich in all den Fällen um die politische Zugehörigkeit zu einem Reiche. Wie steht es aber dann, wenn der Staat die Verkörperung einer Nation darstellt und eine Minderheit anderweitiger Herkunft sich in seinen Grenzen befindet? Diese Frage läßt sich nicht einförmig beantworten, da die Verhältnisse sehr verschieden liegen können. Es ist denkbar, daß die Reste des im Sinne der Abstammung fremden Volkes sich durch das ganze Staatsgebiet zerstreut überall mitten unter den Angehörigen des eigentlichen Staatsvolkes befinden, daß ihre Zahl keine große ist, daß sie sich im Laufe der Jahrhunderte mit dem Mehrheitsvolke zu einer Einheit verschmolzen, mit ihm Verbindungen des Blutes eingegangen, seine Anschauungen, Interessen und Sitten übernommen haben und sich förmlich nurmehr als einen Teil der großen Volksgemeinschaft fühlen. Ist das letztere der Fall, dann hat es selbstverständlich keinen Sinn, besondere nationale Aufgaben verfolgen, die verlorengegangene nationale Herrlichkeit künstlich wieder von den Toten auferwecken zu wollen. Wer solche Versuche unternimmt, ist ein Störer des Volksfriedens. Die Slaven haben sich z. B. in manchen Gegenden Deutschlands so mit de i Deutschen verschmolzen, daß sie untergegangen sind, und man nicht sagen kann, wer mehr Slave und wer mehr Deutscher von Blut ist. Niemand ist sich bewußt, Slave zu sein. Alle wissen nur, daß sie Deutsche sind. Unter solchen Umständen wärj es lächerlich, eine slavische Frage aufrollen zu wollen. Hat sich eine Minderheit, obwohl sie inmitten der Mehrheit lebt, einen Teil ihrer Eigenart bewahrt, ohne eigenen Wohnsitz zu haben, so hat sie selbstverständlich das Recht, dieselbe auch weiterhin zu pflegen, doch ohne Zusammenleben und Frieden zu gefährden. Es kommt aber auch der Fall vor, daß die betreffende Minderheit ein ziemlich geschlossenes Gebiet bewohnt, wo sie, einer Insel vergleichbar, ihre Sprache und völkische Art im Laufe der Jahrhunderte treu bewahrt hat. Hier wäre es Grausamkeit und Torheit, sie gewaltsam assimilieren und um ihre Überlieferungen bringen zu wollen. Ihre Angehörigen können nichts Besseres tun, als einerseits die eigene Sprache und Sitte nach Kräften zu fördern und im Sinne ihres Stammes „national" zu denken, andererseits aber der Volksgesamtheit, der sie angehören, das zu geben, was sie ihr schuldig sind. Nicht bloß staatliche, politische Untertanentreue, sondern auch ein Bewußtsein der Zugehörigkeit zum Gesamtvolke ist von ihnen zu erwarten. Man kann ja nicht verhältnismäßig kleine Minderheiten zu ganz selbständigen Völkern mit eigenen nationalen Machtansprüchen stempeln. Diese Menschen müssen also ein doppeltes Nationalgefühl besitzen: ein niederes und besonderes, insofern sie zu ihrem 29