Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 28 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Herzog zu Sachsen sein könne. In der Hauptsache dürften seine Argumente auch für andere Länder ihre Geltung behalten. Gewiß, es ist eine eigentümliche Lage, zugleich zwei Nationalitäten anzugehören, und es erscheint auf den ersten Blick schwer, beiden gerecht zu werden. Soll ein Volk, wie das jüdische, zu allen Zeiten gezwrungen sein, von sich zu bekennen: ,,Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust?" Niemand wTird sich selbst eine solche Lage aussuchen. Jeder wird Gott danken, wenn er sich in solchen Umständen befindet, daß für ihn Staat, Volk und eigene Abstammung sich vollkommen decken. Aber wenn nun die Vorsehung die Dinge anders gefügt hat, muß man sich da nicht darein finden und eine Art von Kompromiß schließen, darnach streben, daß aus zwei Tendenzen, wrelche beide gleich rechtmäßig sind, ein einheitliches Wesen entstehe? Sind nicht solche Verhältnisse oft genug dagewesen? In der österreichischen Monarchie, wie sie bis zum Kriege bestand, repräsentierte der Staat keine Nationalität. Jeder Bürger konnte und durfte — natürlich unter Wahrung bestimmter Grenzen — nationalen Aufgaben, die seiner Blutsabstammung entsprachen, dienen, und dennoch einen Reichspatriotismus besitzen, sich als guten Österreicher fühlen. Der Schweizer hat in mancher Beziehung, seiner Sprache und Stammesangehörigkeit entsprechend, eine deutsche, französische oder italienische Denkweise, wras ihn aber nicht daran hindert, in weit höherem Maße als das ein begeisterter Schweizer zu sein und sich mit dem gesamten Schweizer Volk innig verbunden zu fühlen, auch mit solchen Bürgern, die eine andere Sprache reden. In den Vereinigten Staaten Amerikas und der Türkei wäre eine ähnliche Auffassung der Verhältnisse denkbar. Auch im russischen Reiche konnte früher ähnliches existieren. Hat nicht das Judenvolk selber in seiner alten Geschichte ähnliche Beispiele gesehen? Daniel der Prophet war ein treuer gewissenhafter Beamter des babylonischen, später des persischen Reiches, und dennoch arbeitete er von ganzem Herzen für seines Volkes beste Interessen, für dessen wahres Wohl. Esther und Mardecha sind ähnliche Beispiele. Esra und Nehemia waren durchaus treue Untertanen des persischen Reiches — Nehemia war des Königs Mundschenk — und dennoch ging ihnen die Angelegenheit der Rückkehr ihres Volkes ins Land der Väter, des Wiederaufbaus der Mauern Jerusalems, über alles. Auch damals mußten die zionistischen" Juden den Vorwurf mit in Kauf nehmen, sie seien dem Reichsgedanken abhold, sännen auf Aufruhr und Lostrennung. Sie strebten jedoch nur darnach, auf gesetzlichem Wege und im Rahmen des Reiches eine befriedigende Existenz zu gewinnen, in dem Bewußtsein, ein Reich sei um so fester gesichert, je glücklicher sich seine Völker fühlen könnten. 28