Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 27 (sequence 3)
- Language
- German
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Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl der Höflichkeit. Unkenntnis der jüdischen Geschichte wirft mir der Geh. Konsistorialrat vor, weil ich davon gesprochen habe7 die Römer hätten den Juden ihre Heimat geraubt. Sind nicht die Juden schon unter Titus massenweise als Gefangene zerstreut worden? Hat ihnen nicht Hadrian den Aufenthalt im Gebiete Jerusalems, im Herzen ihres Landes, untersagt? Daß ihre Gesetzesschulen sich noch später auf palästinensischem Boden im weiteren Sinne befanden, ist eine bekannte Tatsache. Prof. Dalman weist mich auf die Wenden in Sachsen hin, die mit gleichem Rechte dort die Herrschaft beanspruchen könnten, wenn man den Juden diejenige Palästinas vindizieren wolle. Allein hier handelt es sich doch um zwei ganz verschiedene Dinge. Wäre Sachsen, wie Palästina, ein nicht genügend kultiviertes, wenig bevölkertes Land, und die Wenden wären in genügender Anzahl vorhanden, um das Gebiet aufs Neue bevölkern und kultivieren zu können, so könnten sie freilich, wenn ihnen das gelänge, und sie nunmehr die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen wrürden, mit Fug und Recht die Herrschaft beanspruchen. Nun sind sie aber nur ein schwacher Rest, der von früherer Herrlichkeit übrig geblieben ist, eine verschwindende Minderheit, und ist Sachsen einer der bevölkertsten und zugleich der hochkultiviertesten Erdstriche. Der Vergleich hinkt also in jeder Hinsicht. Warum es dem Herrn Konsistorialrat beliebt, in so hochmütigem Tone von oben herab zu reden, bleibt mir unerfindlich. Nun bin ich hier gebeten worden, mich über die Bedenken zu äußern, wrelche einige Juden haben, als vertrage sich der Zionismus nicht mit einem zarten und treuen Nationalgefühl als Deutscher, Engländer, Franzose usw., welches in vielen Juden lebendig entwickelt ist. Entweder das Eine oder das Andere, scheinen sie sagen zu wollen. Man kann nicht zugleich Zionist und zugleich intensiv deutsch gesinnt sein. Nach dem bereits von mir in der Neuen Illustrierten Zeitung" eingenommenen Standpunkt ergibt sich von selbst, daß ich diese Meinung nicht teile, daß ich beide Gesichtspunkte: den zionistischen und den deutschusw. patriotischen für sehr wohl vereinbar halte.— Ich las den sehr interessanten Vortrag eines französischen Juden, Leon Blums, vom 16. Dezember 1924, in dem ersten Sonderheft „Antisemitismus und jüdisches Volkstum" in der Zeitschrift „Der Jude" über diese Frage. Er beklagt es, daß die Juden Frankreichs den Zionismus bisher so wenig unterstützt hätten, weil sie fürchteten, ein Eintreten für die Sache ihrerseits würde sie in den Verdacht ungenügender französischer Gesinnung bringen, würde den Eindruck erwecken, als fühlten sie sich in Frankreich nicht wohl. Er zeigt nun, wie man gerade als guter französischer Bürger eifriger Zionist 27