Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Judenfrage
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 24 (sequence 7)
- Language
- German
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Katharina von Oheimb gegenüber Frankreich als ganz besonders gegenüber Polen und Rußland bedeuten, während jede antisemitische Politik uns mit der Gegnerschaft der Juden aller Welt zugleich außerordentliche außenpolitische, weltwirtschaftlich und weltfinanzielle Schwierigkeiten bringen muß ohne ersichtlichen Gewinn. Siehe den Mord an Rathenau, der die Kreditmöglichkeiten für Deutschland jäh unterbrach. Wenn von antisemitischer Seite immer wieder die Gefahr einer Verjüdelung unserer Nation und ihrer Kultur betont wird, so kann ich dieser Unterschätzung der rassemäßigen Kräfte unseres Volkes durchaus nicht beistimmen und mir, offen gestanden, unter dieser Verjüdelung unseres Volkes nicht das Geringste vorstellen. Wras da übrigens alles als Anzeichen der Verjüdelung genannt wird, ist so disparat und gilt von dem derzeitigen Seelen- und Kulturzustand anderer Großvölker in so überraschend ähnlicher Weise, daß nur sehr oberflächliche Betrachtung es als etwas gerade von den Juden Herrührendes, statt als typische Erscheinungsformen der heutigen Weltkultur ansehen kann. Bei der ganz ungewöhnlichen heutigen Bedeutung der Presse für das Geistesleben der Völker und der ungewöhnlich starken Beteiligung der Juden an diesem Presseeinfluß ist man geneigt, gewisse gemeinsame Züge der heutigen Großvölker gerade auf diesen jüdischen Presseeinfluß zurückzuführen. In Wirklichkeit spiegelt aber eben doch die Presse aller Länder in Umkehrung des bekannten Faustwortes nur den Geist der Zeiten und nicht den eigenen Geist der Herren von der Presse wieder. Und soweit wirklich jüdischer Geist in der Presse aller Völker gestaltend auf die Kultur wirkt, tut er es im Sinne internationalen Kulturkittes, im Sinne einer Verständigung und Annäherung ähnlich den Feudalanschauungen des hohen Adels oder den internationalisierenden Einflüssen der Kirche. Nur wer in völliger Unkenntnis der Geschichte aller bedeutenden Kulturen glaubt, daß geistige Isolierung ein Volk zur Kulturblüte führe, kann in diesem Wirken des jüdischen wie des feudalen oder kirchlichen Geistes etwas für die nationalen Kulturen Schädliches und Verdammenswertes sehen. Mag der jüdische Geisteseinfluß auch noch viel stärker sein als dieser, er wird niemals zu einem Untergang der aus Heimatboden, Klima, Rasse und Geschichte wachsenden nationalen Kulturen und Kulturverschiedenheiten führen. Und noch einmal zurück zur Ausgangsthese: die Judenfrage ist Geschmackssache. Die verständige Erwägung nationaler Interessen verbietet den Antisemitismus als unzweckmäßig und schädlich. Kulturelle Erwägungen genügen nicht, ihn irgendwie zu rechtfertigen. Vom Standpunkt der Gerechtigkeit vollends ist der Antisemitismus gänzlich unhaltbar. 24