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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Die Judenfrage
Date
1925-01-01
Page
21 (sequence 4)
Language
German
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Die Judenfrage mit der Judenfrage befaßt hat. Man denke hier an die Lage im heutigen Rußland und in Ungarn und an den wesentlichen Grad- und Verbreitungsunterschied des Antisemitismus in West- und Süddeutschland gegenüber Norddeutschland. Für Deutschland könnte man auf den Gedanken kommen, daß die Religionsunterschiede des Katholizismus und Protestantismus bei dieser Verschiedenheit eine Rolle spielten; aber der heutige Antisemitismus ist, wie bereits angedeutet, zweifellos keine religiöse Angelegenheit, auch würde der These eines protestantischen Antisemitismus die Lage im protestantischen Teil Deutschlands, im katholischen Ungarn usw. widersprechen! Auch die räumliche Betrachtung des Antisemitismus und seines Verbreitungsgebietes bringt uns also der Lösung des Rätsels der Tatsache des Antisemitismus nicht näher. Man könnte höchstens vermuten, daß der Antisemitismus bei solchen Völkern wach und stark ist, die im besonders starkem Ringen um ihre eigene Rasse oder geistige oder wirtschaftliche Existenz stehen. Denn wie wir sahen: die in sich gefestigten Großvölker, wie England, Frankreich, Spanien, Nord- und Südamerika, haben keinen Antisemitismus. Aber wenn man auch das englische, französische und spanische Volk als rassemäßig, geistig und wirtschaftlich stark ~n sich geschlossene Einheiten ansehen kann, so kann man das, vom Wirtschaftlichen abgesehen, schon von den Nordamerikanern in ihrem heutigen Zustande kaum mehr im gleichen Maße sagen, kann es andererseits den sehr einheitlichen Ungarn mit ihrem fanatischen Antisemitismus schwerlich abstreiten. Es liegt tatsächlich keine genügende Erklärung dafür vor, weshalb es in Nordamerika oder in Italien oder in Süd- und Westdeutschland keinen eigentlichen Antisemitismus gibt. Nur einen gewissen Anhaltspunkt, aber auch nicht mehr erhält man aus dieser Art Betrachtung insofern, als man angesichts der heutigen Lage in einigen einheitlich antisemitischen Räumen der Welt, in Mittel- und Osteuropa, etwa sagen kann, daß diejenigen Völker zum Antisemitismus neigen, die in einer Art Zustand des Wundseins sind, wirtschaftlich wund, seelisch wund, politisch wund, bei denen aus dem Wundsein eine erhöhte Reizbarkeit entstanden ist, die sie gegen Reibungen besonders empfindlich macht. Diese Annahme würde zwar noch nicht ohne weiteres den geringeren Antisemitismus Süd- und Westdeutschlands erklären — es sei denn, daß man der viel älteren Kultur und dem katholischen Einfluß in diesen Landesteilen eine Art Schutzwirkung gegen das Wundsein zuschreibt —, aber vor allem würde sie voraussetzen, daß die Berührung dieser Völker mit den Juden gleichbedeutend mit Reibung ist. Und damit verliert diese Erklärung 21

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