Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Judenfrage
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 20 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Katharina von Oheimb von der Antike bis zur Neuzeit nie in den Sinn gekommen ist, sondern dies ist erst eine Erscheinungsform und Einkleidungsform des heutigen Antisemitismus. Gleiches gilt endlich vom wirtschaftlichen Antisemitismus, der die Juden verfolgt, weil sie reich seien. Reichtum als Grund zur Feindschaft ist allen Zeiten und Völkern gemeinsame Erscheinung, sondern eine ebenfalls heute besonders verbreitete Tatsache. Noch würde Reichtum als Grund zur Feindschaft einen eigentlichen Antisemitismus erklären, da es ja in allen Zeiten und Völkern auch nicht jüdischen Reichtum gegeben hat. Das Rätsel, die Erstaunlichkeit der Judenfrage, der Antisemitismus bleibt. Wo ist die Lösung? Vielleichtkommt man ihr näher, wenn man nicht die äußeren Einkleidungsformen des Antisemitismus, sondern die räumlich zeitlichen Verschiedenheiten der Stellungnahme der einzelnen Völker zu den Juden betrachtet. Um mich nicht in die Unendlichkeit historischer Forschung zu verlieren (denn historische Forschungen sollten uns helfen, Klarheit des Begriffs zu finden, können aber nicht instinktmäßig gezeitigte Einstellungen verwirklichen), ziehe ich nur einige Beispiele aus heutiger Zeit heran: Es gibt eine ganze Reihe von Großvölkern, die heute keinen wirklich bedeutsamen Antisemitismus haben. In erster Linie nenne ich die gewiß ungewöhnlich rassestolzen und auch verhältnismäßig sehr rassigen Engländer. Die bekannten Beispiele des jüdischen Ministerpräsidenten Disraeli und des jüdischen Exvizekönigs von Indien Lord Reading genügen als schlagende Beweise, daß es in England einen eigentlichen Antisemitismus nicht gibt. Genau das gleiche gilt, trotz gewisser Tendenzen des Klu Klux Klans von den Vereinigten Staaten. Dasselbe gilt auch von Frankreich — man bedenke die auffallend große Zahl jüdischer hoher Offiziere und Politiker —, von Italien trotz des sonst wirklich nicht von Rassefeindschaften und sonstigen Angreiflichkeiten zurückscheuenden Faszismus, von Spanien — dem einst klassischen Lande der Judenverfolgungen — und von den spanisch-portugiesischen Tochterländern ganz Südamerikas. Auch in den altkultivierten Volksmassen Ost- und Südasiens kann von einem Antisemitismus ebensowenig die Rede sein wie von einem eigentlichen Antisemitismus der vorderasiatischen und nordafrikanischen Völker des Islam. Der Verbreitungsbezirk des Antisemitismus ist also heute ganz außerordentlich auf den Raum von Mittel- und Osteuropa beschränkt. Auch innerhalb dieses Raumes ist die Verbreitung des Antisemitismus außerordentlich verschieden und die Lage sehr kompliziert, besonders seit dem die Parteipolitik — als eine neue Form des Antisemitismus, nämlich des politischen — sich 20