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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 15

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Jüdisches Schicksal
Date
1925-01-01
Page
15 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Jüdisches Schicksal Hier muß mit stärkster Betonung bemerkt werden, daß diese Art „Luftmenschentum", das wie auf Telegraphendrähten lebt, durchaus nicht das Wesen des ursprünglichen Judentums berührt, sondern lediglich spiegelt die historische Wirklichkeit zweier Jahrtausende. Es macht darin sich geltend eine Entwicklung, welche heute keineswegs nur den Juden angeht, sondern durchaus das Los alles Volkstums ist; zunächst in Europa; aber künftig für die ganze kultivierte Erde. Am Judentum hat sich nur früher vollzogen das Karma, das mit wachsender Internationalisierung und Industrialisierung über alle Menschen kommen wird. Wenn heute im öffentlichen Leben in Deutschland, Frankreich, Rußland der Jude als Schriftsteller oder als Gelehrter eine Führerrolle zu haben scheint, welche fast ausschließlich den progessistischen, wenn nicht gar den revolutionären und radikalen Bewegungen zu gute kommt, so liegt es einfach daran, daß die Masse des Volks, auch des deutschen Volks, genau das gleiche Schicksal hat, welches die christlichen Jahrtausende zunächst nur den Juden bereiteten: Entfremdung von Natur und Landschaft. — Enteignung von der Scholle. — Verschleifung der Stammesunterschiede. — Zusammenpferchung in den Städten. Die Industriearbeiterschaft aller Länder ist nichts anderes als eine einzige Judenheit. Ein einziges riesiges Ghetto! Daher ist es selbstverständlich, daß die schmerzlichen Erfahrungen der Juden zunächst zu gute kommen dem Proletariat. Der deutsche Bauer hat ein Vorurteil gegen Juden, weil er ein Vorurteil hat gegen den Händler und gegen die Intellektuellen. Der Arbeiter aber fühlt instinktiv sich dem Juden verwandt. Wir können daher verstehen, daß jüdische Intelligenzen wie Karl Marx nur das normativ allgemeingültige Ziel anerkennen. Für diese internationalen Geister ist die Judenfrage keine Frage der Nation mehr. Es handelt sich um Klassenfragen der Arbeit und der Gesellschaft. Und diese Lösung wäre auch folgerichtig, wenn die Menschen eben wahrhaft „Menschen", d. h. geistige Wesen wären und nicht Bestien... arme, futterneidische Bestien, die auf abstrakten Höhen sachlichen Geistes nie werden atmen können, die vielleicht auf Augenblicke sich zu erheben vermögen in den Äther des Ideals, dann aber sicher immer wieder herabfallen auf die schwere Erde, auf der sie einander bekämpfen, nicht anderswie Pflanzen, deren jede die ganze Erde überziehen möchte nur mit Kindern i h r e r Art; nicht anders wie Tiere, deren j edes sehr schnell die übrige Welt verschlingen und die Erdoberfläche nur mit seinem Typus besiedeln würde, wenn nicht das Dasein auch der vielen anderen eben Grenzen setzte. 15

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