Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Jüdisches Schicksal
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Theodor Lessing] bis heute sich durch alle Nöte der Geschichte hindurch erhalten haben, die Zukunft zu gestalten sei, so scheinen mir nur zwei folgerichtige Leitziele immer wiederzukehren. Entweder: Übernahme einer zwischenvölkischen allvermittelnden Sendung. Oder: In einer Welt, wo jedes Volk und jede Gruppe beständig „Ich" sagt, ebenfalls in ruhigem Stolze „Ich" sagen lernen. Die erstere Form der Lösung wird von den meisten bevorzugt. Auch von solchen, die das vor dem Massenvorurteil weichende Sichdemütigen, das nervöse Sichverstecken, das charakterlose Assimilieren und das bescheidene Sichselbstverleugnen hassen und verachten. Sie sagen (ein Typus dieser Art ist der Philosoph Constantin Brunner oder Joseph Popper-Lynkeus): Der Jude möge sich selbst wahren und bewahren, indem er über den Völkern und zwischen den Völkern sein Reich errichtet. Das Judentum muß aus einem Nationalmythos zur Weltethik werden. Es hat sich aus einem althebräischen Naturmythos gewandelt und emporgeläutert zu: normativer Geistesreligion. Diese Flucht in den Geist hinein ist jahrhundertelang der Notausgang der Juden gewesen. Es ist der Weg, auf dem heute die europäischen Rabbiner die heikle Aufgabe lösen, Judentum nur als eine Konfession unter anderen deutschen Konfessionen zu lehren. Es gibt nationale Seele. Aber es gibt nicht „nationale Geistigkeit". Geist kann nicht national sein. So wenig wie Wahrheit, Recht und Sittlichkeit. Denn gäbe es zwei verschiedene Wahrheiten, dann gäbe es überhaupt keine Wahrheit. Das Judentum erhält daher bei den europäischen Philosophen und Soziologen die Sendung, sich zum Träger zu machen solcher ,,Werte", welche unabhängig sind von Boden und Landschaft und welche den geistigen Adel der reinen Vernunftmenschheit begründen. Diese Mittler- und Vermittlerrolle entdeckt jede Generation wieder neu. Millionenmal auf allen Gebieten ist verkündet worden, daß der Jude die weltgeschichtliche Mission habe, das zu bewahren, was „zwischen den Menschen" ist. Immer ist das Schicksal jüdischer Menschen irgend eine Art Mittler-, Vermittler- oder Agententum. Diese Mittlerrolle reicht von Weltreligion und internationalem Sozialismus und Kommunismus hinab bis zur Logik, Erkenntnislehre, Sprachforschung, bis zur Politik und Diplomatie, bis zu Theater und Zeitung, bis zu Verkehrstechnik und Pferdeliebhaberei, bis zu Schachspiel und Zwischenhandel. Immer wird ergriffen, was gleichsam ,,über der Scholle schwebt". Der Jude wird Vertreter des geistigen Schicksals der „Menschheit schlechthin". Es wird eine Art Symbol ihres geistigen Schicksals. *4