Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Jüdisches Schicksal
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
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jüdisches Schicksal Deutschtum oder Judentum?... Das wäre eine falsch gestellte Frage. Die Lösung sinnloser Fragen aber besteht darin, daß eines Tages nicht mehr so gefragt wird. Ja, daß man kaum noch begreifen kann, wie vor Zeiten einmal so gefragt werden konnte. Aus vielen Gedanken greife ich drei heraus. Erstens: Der Begriff des ,,Kollektivindividuumsu wird von denen, die solche Alternativen stellen, hingenommen, als verstände sich von selber der große Unsinn unserer Tage: der Wahn, daß Völker oder gar Staaten vergleichbar seien mit Organismen und daß generelle Typen so ,,gegeben" seien, wie die Linde vor dem Fenster und die Drossel auf der Linde. Kollektives oder Generelles aber ist nie anders gegeben, denn als Einzelindividuum und durch das Einzelindividuum hindurch. Ideen sind keine Gestalt. Und Gestalten sind keine Form. Die Unterscheidung der drei Bereiche: Gestalt (d.h. Erkennbares); Form (d.h. Bewußtseinswirkliches) und Idee (d.h. Vernunfterschautes)... dies ist der rote Faden, der seit zwanzig Jahren durch alle meine Schriften läuft. Zweitens: Bevor wir Worte in den Mund nehmen, wie Jude, Germane, Arier, Semit usw. müssen wir klar sein über das Verhältnis des Sozio- und Biologischen auf der einen Seite und des Biotischen auf der anderen Seite. Der Begriff Deutsch fällt bei vielen zusammen mit der Vorstellung: „Vorherrschaft der ritterlichen oder militärischen Klasse". Oder mit der Vorstellung: ,,Agrarische Lebensbedingung." Der Begriff Jude leitet sich bei vielen ab von der Vorstellung: ,,Vorherrschaft der priesterlichen oder rabbinischen Kaste." Oder von der Vorstellung: „Händlerische Kultur im Ghetto." Diese Soziologik hat nichts zu tun mit Völkerrasse. Drittens: Die Worte: Deutscher, Jude usw. sind wertbelastet. Man kann sie so wenig unbefangen brauchen wie etwa die Worte: Bolschewik, Jakobiner, Pharisäer, Intellektueller. Immer klingt Gallefarbenes an. Es ist genau so wie im Streite der Klassen. Man kann in bestimmten Kreisen jede Theorie entfrommen, indem man ihr fleißig anhängt Adjektiva wie „kleinbürgerlich" und „kapitalistisch". In anderen Kreisen wieder kann man alles entwirken, was man als „proletarisch" und „spartakistisch" bezeichnet. Was gehn uns all diese Vorurteile an? Wenn ich nunmehr absehe von diesen persönlichen Bekenntnissen und unpersönlich frage, wie für die vierzehn Millionen Menschen, die aus dem in alle Welt zerstreuten alten Judenvolk 13