Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Jüdisches Schicksal
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101218-3110416--7981-3110460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Theodor Lessing befände sich auf einem untergehenden Schiffe und könne nur eine von den beiden Personen retten. Er soll beichten, welche von den beiden er vorziehen würde. Ich komme mir vor, wie jener Mann, der verzweifelt ruft: Alles redet von Heimatkunst und will wurzelständig sein; und ich bin ausgerechnet geboren im Orientexpreßzug. Vom Judentum hab ich bis ins Mannesalter hinein wenig gewußt. Ich stand nie unter jüdischen Einflüssen und habe nie ein Wort Hebräisch gelernt. Meine frühe Jugend und meine frühen Bücher waren wurzelhaft deutsch, ohne daß mir das damals zu Bewußtsein kam. Ich hätte durchaus in eine Bahn kommen können, wie heute Rudolf Borchardt sie vorlebt: preußischsoldatisch, unerbittlich-völkisch. Die ersten Freunde, die ich gewann, empfanden mich als deutschen Menschen. Und so habe ich mich selbst empfunden und bin zumal im Ausland immer so empfunden worden. Kaum jemals erfühlte man in mir einen Juden, und auch als ich unter Juden lebte, wurde ich nie recht als zugehörig betrachtet. Dennoch verlief meine Entwicklung umgekehrt wie die von Jakob Wassermann berichtete. Es kam ein Zeitpunkt, wo ich vom Deutschtum fortwollte und nichts sein wollte als nur Jude. Ich kann hier nicht analysieren, welche Triebkräfte das fügten. Das Letztentscheidende dürfte sein: Es entsprach meiner Natur, mich zugehöriger dort zu fühlen, wo man mich nötiger hatte. Diese Entwicklung, vergleichbar einem alten Baum, der auf dem Festungswall wachsend in beiden Lagern Wurzeln schlägt, Belagerern und Belagerten zum Trotz, enthält keineswegs Bruch oder Widerspruch. Ich weiß, daß für meine Person die Frage gelöst ist. Ich weiß auch, daß ich ein klares Gepräge habe. Unser Gerede von Volkstum ist kurzsichtig grob. Innerhalb jedes Gemeinschaftsgepräges gibt es viele Sonderarten. Typen von zartester Mischung. Inzucht ist dort Gebot, wo es gilt, primitive Gattungen stabil werden zu lassen. Auf späten Linien ist die Mischung geprägter Typen der einzige Weg, um neue Arten zu erzüchten. Bei mir selbst spielten niemals eine Rolle dergleichen rassenbiologische Erwägungen. So lange ich zurückdenken kann, war mir die Verbundenheit mit dem Außermenschlichen, mit Wolken, Himmel, Bäumen, Tieren, Wetter und Wind gewisser als die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Menschengruppe. Meine Heimat konnte ich nie eng genug wählen. (Das nächste Nachbardorf war dem Kinde schon „feindliches Ausland".) Mein Vaterland nie weit genug. (Auch anderen Welten als der Erde fühlte sich der Jüngling verbunden.) 12