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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Die Juden unter den Deutschen
Date
1925-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Walter Sulzbach Noch niemand war imstande zu sagen, was denn die deutsche» w a s die jüdische Art und Kultur sei. Die Wissenschaft ist international, an der deutschen Sprache partizipieren die deutschen Juden ohnehin und in der deutschen Kunst treffen sich — zum Glück! — die verschiedensten Richtungen. Wenn Bach oder Hans Thoma als ganz spezifisch deutsch bezeichnet werden, so sind sie es an einem mehr oder minder frei ersonnenen Idealtypus gemessen, nicht anders wie man sowohl Spinoza wie Lassalle wie Castiglioni als spezifisch jüdisch bezeichnen kann. Ein Deutscher, dem Franz Stuck als Maler oder Richard Strauß als Musiker über allen anderen steht, gilt darum nicht im mindesten für weniger deutsch, so wenig wie man Wilhelm I. einen Vorwurf daraus gemacht hat, daß er lieber „Carmen" als den Wagnerschen „Parsifal" hörte1). Ein wie immer wohlwollender und einfühlender jüdischer Germanist oder Deutsch-Historiker erregt eher mehr, gewiß nicht weniger Antisemitismus als ein jüdischer Historiker des jüdischen Volkes oder ein jüdischer Mathematiker, der ohnehin jenseits des Gegensatzes der „Kulturen" steht. Die Besetzung der Ordinariate an den deutschen Universitäten spricht da eine sehr deutliche Sprache. Der Antisemitismus wurzelt nicht in Kulturgegensätzen. Wenn ein Jude sich „deutsch" verhält, so erscheint sein Verhalten den Deutschen trotzdem „jüdisch". — Schopenhauer konnte es sich leisten zu schreiben: „Ich lege für den Fall meines Todes das Bekenntnis ab, daß ich die deutsche Nation wegen ihrer überschwänglichen Dummheit verachte und mich schäme, ihr anzugehören" 2). Seinem Ruhm hat nicht geschadet, was einen Heinrich Heine, der stets Wert darauf legte, als deutscher Dichter zu gelten, und dessen Stellungnahme zum deutschen Volke niemals nur halb so überheblich war, seit nunmehr fast einem Jahrhundert in Deutschland diffamiert hat. Russische revolutionäre Emigranten, die sich im Exil daran gewöhnt hatten, in möblierten Zimmern zu wohnen und die Häuslichkeit der Familie als ein Gut zweiten Ranges zu betrachten,, haben, als sie zur Macht gekommen waren, geglaubt, daß sie ihre x) Es ist sehr bezeichnend, daß wohl alle Diskussionen über die Unterschiede in der „Geistigkeit'4 verschiedener Völker als Wurzel politischer Gegensätze, sobald konkrete Beispiele gegeben werden, hart die Grenze der Lächerlichkeit streifen. Glaubt jemand, daß das alte deutsche Offizierkorps deshalb keine Juden kooptierte, weil die beiderseitigen Anschauungen über Musik, Philosophie, die Ehe und den Tod differierten? 2) Arthur Schopenhauers handschriftlicher Nachlaß, Leipzig, Ph. Reclam jun., IV., 73. 2

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