Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Juden unter den Deutschen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Juden unter den Deutschen eigenen Wertschätzungen einem ganzen Volke aufoktroyieren könnten, und sind den Mißliehkeiten der Wohnungsrationierung gegenüber erstaunlich gleichgültig gewesen. Man hat bemerkt, daß bei vielen Gelehrten die häufig beobachtete Korrelation von starker Intellektualität und relativ geringem Geschlechtstrieb in der Unterschätzung der Bedeutung, die das sexuelle Moment für die Menschheit hat, zum Ausdruck gekommen ist. Analog haben Gelehrte und Künstler, denen die Aufdeckung dunkel empfundener Gegensätze der „Geistigkeit" verschiedener Gruppen persönlich wichtig war, ihre Bedeutung für die Genesis des Verhaltens der Massen stets überschätzt. Der Antisemitismus ist viel allgemeiner verbreitet als die Teilnahme der Deutschen oder irgend eines Volkes an den von den eigenen Volksgenossen geschaffenen Kulturwerten. Die Friedensverträge, die den Weltkrieg abgeschlossen haben, zeigen, daß einer siegreichen europäischen Nation wohl an territorialen und Machtverschiebungen sowie an Kriegsentschädigungen liegt, daß sie sich aber um die Kultur der Unterlegenen gar nicht bekümmert. Sieht man von dem Verhalten der Franzosen im besetzten Rheinland ab, wo sie französische Schulen errichteten, um die Bevölkerung einer künftigen Annexion geneigt zu machen, dann bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht eine einzige von den zahlreichen Theorien deutscher Gelehrter, die den Sinn des Krieges in der Verteidigung ,,deutscher Artu sahen, durch die Entwicklung bestätigt worden ist. Die siegreichen Westvölker haben sich die Schädigung deutscher Kunst, Philosophie oder Wissenschaft ebensowenig angelegen sein lassen, wie die Unterdrückung der Sprache, Trachten oder Volksgebräuche in Deutschland. Warum sollten die Dinge anders liegen zwischen den Juden und ihrer Umgebung? Ungebildete Individuen schließt die Indifferenz, die sie gegenüber den nationalen Kulturgütern an den Tag legen, aus der deutschen Volksgemeinschaft nicht aus, und umgekehrt gibt, was immer geistig rege Juden tun mögen, ihnen keine Anwartschaft darauf, unter Deutschen als Deutsche zu gelten. Die moderne Gesellschaft setzt sich im Gegensatz zu primitiven Gruppen aus zahlreichen Kreisen zusammen, denen alle Individuen sich irgendwo einordnen. Jeder einzelne hat einen Beruf, ein irgendwelches Vermögensniveau, eine gewisse höhere oder geringere geistige Begabung, moralische und Willensqualitäten usw. Nun würde in einer idealen Gesellschaft die soziale Schätzung sich ganz nach dem Sein und Leisten eines jeden Individuums richten, und der Beste wäre am meisten geachtet. AJlein in der 1* 3