Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Juden unter den Deutschen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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WALTER SULZBACH ©ie $ui>en unter freu ©eutfdjett Während der Antisemitismus seine Spitze gegen die Juden in ihrer Gesamtheit richtet, fühlt sich in der Gegenwart nur noch ein Teil der von ihm Betroffenen durch Gemeinsamkeit der Religion positiv zur Gruppe verbunden. Jeder deutsche Jude muß, da sich sein Leben unter den Deutschen abspielt, zu den Antipathien, die ihn umgeben, irgendwie Stellung nehmen; die Juden zerfallen dann unter dem Gesichtspunkt ihrer Reaktion auf den Antisemitismus in verschiedene Klassen. Die Motive, die sie zu der einen oder anderen Stellungnahme bewegen, können auch ohne einen vorhergehenden Versuch, die Ursachen des Antisemitismus selbst zu ergründen, analysiert und typisiert werden 1). Da aber ein ganzes Heft dieser Zeitschrift, dessen Fortsetzung das vorliegende bildet, den Titel „Antisemitismus und jüdisches Volkstum" führt, und der größte Teil der Autoren, die darin zu Wort kommen, in geistvollen und anregenden Ausführungen für die Kluft zwischen Juden und Nichtjuden irgendwie die andere „Art" oder „Geistigkeit'4 der Juden verantwortlich machen, sei es, daß sie der Meinung sind, die Juden seien oder sie seien nicht imstande, sich, falls gewillt, dem deutschen Volkstum anzugleichen, so sollen über diese spezielle Frage einige Bemerkungen vorausgeschickt werden. Eine Klärung der Probleme, die sich aus dem Zusammenleben der Juden und der Deutschen ergeben, ist, wenn die Diskussion in der Sphäre der Begriffe Deutschtum und Judentum ausgetragen wird, nicht zu erwarten, denn die Vorstellungen, die sich mit Worten, wie „Volkstum", „Volksgeist", „Geistigkeit", „Kultur" usw. verbinden, sind so vage und so schwankend, daß nicht zwei Personen das gleiche Wort gleich verstehen. Wo immer Gegensätze zwischen Völkern bestehen, die den Gelehrten zur Erklärung aufgegeben sind, werden diese Unterschiede der „Art" in erster Linie zur Grundlage von Hypothesen gemacht. Im Kriege hieß es, der Kampf spiele sich ab zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation oder zwischen Organisation und Anarchie oder — von der anderen Seite her gesehen — zwischen Demokratie und Despotismus usw. Von alledem, was damals geschrieben wurde, glaubt heute kein Mensch mehr ein Wort. *) Ich darf diesbezüglich auf meine Schrift: „Vorurteile und Instinkte, eine Untersuchung über die Rassenabstoßung und den Antisemitismus", Berlin 1923, verweisen. 1 Der Jude, IX, Sonderheft III. I