Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die zweite Generation in Palästina und die arabische Umwelt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 132 (sequence 5)
- Language
- German
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Bemerkungen heimtückische Feindesschar verwandelten. Alle diese Beobachtungen führen unsere Kinder zu dem Urteil, das mir ein Achtjähriger in einem Gespräch über kultivierte und unkultivierte Völker auf die Frage, was denn die Araber seien, aussprach: „Die Araber? Ein halb kultiviertes Volk!" Auf Beobachtung beruht die Aussage einer Dreizehnjährigen, mit der ich eine Unterhaltung über den etwas zügellosen Verkehr zwischen ihren Mitschülern und Mitschülerinnen führte: „Wir leben doch unter einem wilden Volke und sehen Dinge, die ihr in Europa gewiß niemals sähet —• das verdirbt viele!" Aus der eigenen Erfahrung stammt bei unseren größeren Kindern auch ein gewisser Mangel an Vertrauen zu der Dauerhaftigkeit der guten Beziehungen zwischen ihnen und den arabischen Kameraden, der sich noch im Schlafe in Angstträumen, in denen stets Araber eine Rolle spielen, ausspricht. Damit ist aber gesagt, daß auch dort, wo das jüdische Kind in Palästina nicht hermetisch von der arabischen Umwelt abgeschlossen ist, sein Verhältnis zu ihr ein ganz anderes ist als das des Goluskindes zur Bevölkerung seines Landes. Im Golus muß das Kind seinen Standpunkt zur Umwelt mühsam und unter Leiden suchen, und selbst wenn es ihn gefunden hat und zur Bejahung des Jüdischen durchgedrungen ist, kann es den Typus des Wirtsvolkes, von dem es Sprache, Wissen, Kunst, soziale Ordnung erhielt, nicht einfach ablehnen, sondern muß ihn als ebenbürtigen Gegner anerkennen, dessen Anderssein ihm Schmerz bereitet und seine Einheit bricht. Das Verhältnis des jüdischen Kindes zur arabischen Umwelt ist ganz unproblematisch: sie erscheint ihm einfach als das Minderwertige, dem es selbst weit überlegen ist und zu dem es deshalb keine tiefen seelischen Beziehungen hat. Die Kinder finden sich auf der Grundlage des körperlichen oder Geschioklichkeitsspieles zusammen; aber ein wirkliches Gespräch zwisohen ihnen ist unmöglich, weil das arabische Kind keine über Haus, Spiel und — bei den größeren Knaben —• geschlechtliche Beziehung hinausreichenden Interessen hat. Dazu der Zweifel an der Beständigkeit der guten Beziehungen. Unter diesen Bedingungen besteht vorläufig keine Gefahr, daß das jüdische Kind in die Grübelei und Assimilation Europas verfällt und an seiner Sicherheit und dadurch Fröhlichkeit Einbuße leidet. Aber andererseits kann auch von einer geistigen jüdisch-arabischen Verbrüderung noch keine Rede sein: noch fehlt die Grundlage für die gemeinsame Leistung. Wohl ist ein kameradschaftlicher Verkehr bis zu einer gewissen Grenze möglich — nur scheuen sich viele Eltern, in der Erwägung, daß ihre Kinder dabei in geistiger Beziehung nichts gewinnen, sich an ein müßiges Herumlungern gewöhnen und einer frühen Reizung ihrer Sexualität ausgesetzt sind, einen solchen Verkehr zu gestatten. Wenn man — sogar vom Auslande her — den Palästinensern Vorwürfe macht, daß sie nicht genügend Verständnis und Freundschaft für die Araber anstreben, so darf man nicht vergessen, daß sich vielleicht bei Erwachsenen auf Grund praktischer und moralisoher Erwägungen ein Gefühl erzwingen läßt, daß aber das Gefühl des Kindes nur aus seiner eigenen, naiven Beobachtung erwächst. Diese aber läßt das Kind vorläufig sich selbst als dem Araber weit überlegen empfinden. Die fröhliche Unbefangenheit, mit der es nur sich selbst bejaht und keinen Augenblick nach einer Assimilation an die anderen strebt, beweist es. Wenn wir also gute Beziehungen unserer Kinder zu den Arabern herbei- 132