Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die zweite Generation in Palästina und die arabische Umwelt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 131 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen schaftliche Berührung zu kommen, hat das Stadtkind. Ein Widerstand des arabischen Kindes gegen einen freundschaftlichen Verkehr steht ihm nicht im Wege. Eine große Zahl der in Palästina aufgewachsenen Kinder versteht auch genug arabisch, um sich verständlich zu machen. Dennoch sehen wir bei unseren jüdischen Kindern eine nur geringe Neigung zum Verkehr mit Arabern. Diese Erscheinung möchte ich nicht mit allgemeinen Werturteilen über die Araber als Volk erklären, sondern mit gewissen Beobachtungen, die ich tagtäglich in meiner nächsten Umgebung anstellen kann und mit Urteilen der Kinder selbst. Die arabischen Kinder in der Umgebung meines Hauses gehören fast durchweg den ersten Adelsfamilien des Landes an und werden in den besten englischen Schulen erzogen, so daß sie eine gewisse Auslese darstellen. Trotzdem sind sie in ihrer äußeren Erscheinung viel ungepflegter als die jüdischen Kinder der Nachbarschaft. Sie gehen oft in schmutzigen und zerrissenen, geschmacklos der europäischen Tracht angepaßten Kleidern und häufig nur in einem langen Hemd. Ihre Mahlzeiten nehmen sie mit den Fingern aus einer gemeinsamen Schüssel. Sie haben unsaubere Gewohnheiten. In den Stunden, die sie nicht in der Schule verbringen, tollen sie im Freien herum, spielen Körperspiele oder hocken und liegen untätig auf dem Boden. Manchmal helfen sie bei häuslichen Verrichtungen, aber mit einer einzigen Ausnahme habe ich noch nie gesehen, daß sie etwas gebaut, gepflanzt, geschaffen hätten. Außerdem habe ich — ausgenommen ein Lehrbuch, aus dem laut gelernt wurde — niemals ein Lesebuch in ihrer Hand gesehen. Prügeleien zwischen den Knaben habe ich nur in ganz seltenen Fällen beobachtet, ja, den Mädchen, kleinen Kindern und Dienstboten gegenüber läßt sich sogar eine besondere Zartheit der Behandlung feststellen. Dagegen werden vorübergehende jüdische Kinder und auch Erwachsene mit rohen Schimpfworten und Steinwürfen verfolgt, man stellt sich ihnen in schamloser Entblößung in den Weg, und einmal versuchte eine Knabenschar, einem jungen Chassid die Schläfenlocken abzuschneiden. Ihre Spiele, soweit sie nicht sportlich oder bloßes Tollen sind, legen es ganz augenscheinlich auf sexuelle Reizungen ab. Unter den zirka dreißig arabischen Kindern meiner Nachbarschaft ist ein einziger Knabe mit einer ausgesprochenen Persönlichkeit und einem lebhaften Schaffensdrang: ein Tierfreund und Tierkenner, der allerhand Vorrichtungen zum Wohl seiner Tiere herstellt. Alle anderen, auch die ganz Großen, leben ein Müßiggängerdasein, das durch den Unterricht in der englischen Schule nur wenig von seiner Leere verliert. Auch die Erwachsenen (der weitaus größte Teil der Frauen und ein Teil der Männer sind Analphabeten) verbringen viele Stunden des Tages damit, daß sie im Garten auf dem Boden hocken und liegen und in die Luft gucken. Daß einer unserer erwachsenen Nachbarn in einem Buch gelesen hätte, haben wir noch nie gesehen. Zu diesen unmittelbaren Eindrücken kommt, daß unsere Kinder wohl im Unterricht von den Leistungen vergangener arabischer Geschlechter hören, aber niemals eine geistige oder künstlerische Leistung der Araber ihrer eignen Umgebung sehen. Dazu kommt, daß sie Stunden erlebten, in denen sich arabische Horden zu Raub- und Mordscharen zusammenschlössen; in denen die Kinder, die noch gestern ihre Freunde waren, ihnen Martern und Tod androhten; in denen die sonst wohl erzogenen und geschliffenen erwachsenen Araber ihrer Bekanntschaft sich in eine 9* 131