Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die zweite Generation in Palästina und die arabische Umwelt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 133 (sequence 6)
- Language
- German
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Bemerkungen führen wollen, so dürfen wir diese Tasache nicht einfach ignorieren oder moralisch verurteilen, sondern müssen unsere Taktik auf sie stützen. Gewiß können wir unsere Kinder zur Gerechtigkeit und Rücksicht gegen den von ihnen als geistig inferior Empfundenen erziehen, vielleicht sogar zu dem Wunsche, ihn emporzuheben. (Das geschieht noch keineswegs in ausreichendem Maße, sondern es gibt weite Kreise — darunter sogar Lehrer und Jugenderzieher — die dem Araber gegenüber nichts als Haß und Verachtung kennen und beides sogar der Jugend predigen.) Aber ein Gefühl der Gleichheit und Brüderlichkeit können wir nicht forcieren, solange unsere Kinder sich als die geistig Überlegenen empfinden müssen. Helene Hanna Cohn Die hebräische Sprache in Palästina Wie immer es mit dem kolonisatorischen Erfolg des Zionismus bestellt sein möge, der Zionismus als ideell geistige Bewegung hat das historische Verdienst, dem Judentum eine oder zwei Generationen gerettet zu haben. Die Abwendung vom Judentum, die schon weite Kreise gezogen hatte, hörte auf. Die eben im Begriffe waren, von uns wegzugehen, standen gehemmt und erschrocken still und suchten nach neuer Orientierung. Wie gebannt standen sie da und erwarteten das Wunder des Wieder-Jüdisch-Werdens. Dieses Wunder ist nicht eingetreten. Der Zionismus hat einen leeren Raum geschaffen, den mit neuem Inhalt zu erfüllen, er (oder das Judentum) nicht mehr kräftig genug war. Und eine verwirrte, desorientierte Generation versuchte vergeblich, mit Surrogaten aller Art das Judentum zu „strecken": mit Sozialismus, Jugendbewegung und Apologetik, Der Versuch mißlang. In diesem Suchen nach neuem Inhalt boten sich zwei Realitäten: das Land und die Sprache. Der Übergang nach Palästina hing von Faktoren ab, die nicht in der Gewalt des einzelnen sind, vor allem von ökonomischen Tatsachen. Der Übergang zur hebräischen Sprache war ganz allein in unsere Hand gegeben. Daß auch er mißlang, daß der Zionismus die Zahl der hebräisch Verstehenden nicht vergrößert hat, daß alle krampfhaften Anstrengungen nicht imstande waren, auch nur die Verluste wettzumachen, welche die fortgehende Entfremdung von der Religion und das Versickern der Tradition uns beigebracht haben, zeigt, wie gering unsere Kraft ist, und wie vorschnell ruhmredig wir von einer Renaissance - bewegung gesprochen hatten. Diese Feststellung soll keineswegs das Verdienst derer herabsetzen, die mit großen Opfern und Anstrengungen in der Diaspora hebräische Schulen errichten und erhalten. Aber die Tatsache, daß die Zahl der hebräisch Verstehenden, der im Hebräischen Lebenden zurückgegangen ist und ständig zurückgeht, scheint mir außer Zweifel. In diesem Augenblick ist Palästina unsere letzte Hoffnung. Die hebräische Literatur befriedigt da ein natürliches Bedürfnis und hat daher natürliche Grundlagen. Bleibt nur die Frage: wie tragfähig diese Grundlagen sind. Zunächst: Gegenüber der ganzen Generation der Erwachsenen unter den Eingewanderten hat das Hebräische eine unbestreitbare Niederlage erlitten. Die Hebraisierung der eingewanderten Erwachsenen gelingt im Lande nicht. Natürlich gibt es Stufen. Manche erlernen das Hebräische in dem Maße, um eine Zeitung lesen zu können, die meisten nur so weit, um die Handvoll Vokabeln zu sprechen, welche der aschke- 133