Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Der Vater als Lehrer
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 127 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen 4. Und nun die Gegenwart! Daß für sie der Mahnruf der Bibel: Ihr sollt sie lehren eure Kinder! nicht mehr gilt, daß die Väter auch nicht mehr ihre Söhne zum Unterricht führen, sie nicht mehr anleiten, daß Gemeinden keine Lehrer anstellen, sich damit begnügen, wenn dann und wann ihre Kinder Religionsunterricht durch einen Lehrer genießen, der von auswärts kommt, der die häuslichen Verhältnisse und das Leben seiner Schüler oft nicht kennt, ist zu bekannt, als daß man darüber sprechen müßte. Aber soll es so bleiben? Besteht das Gebot von Beut. 11,19 nicht auch heute? Und sehen wir von diesem Gesetz ab; kann ein Unterricht in jüdischem Wissen — Religionsunterricht ist ja ein fürchterlich mißgebildetes Wort, Religion kann man nicht unterrichten! — ersprießlich sein, jüdische Seelen und jüdische Menschen bilden, wenn Väter und Mütter ihm so teilnahmslos gegenüberstehen? Läßt sich wirklich gar keine Möglichkeit finden, daß der Vater noch oder wieder Lehrer seines Kindes wird? Ich sehe zwei Wege der Besserung und Neuerung. Erstens: Der Vater, der einzelne Vater, muß die Führung des jüdischen Unterrichts wieder in seine Hand nehmen; die Noten in „Religion" müssen ihm so wichtig sein wie die in irgendeinem Fache. Wenn er oder die Mutter Zeit finden, um die Schularbeiten ihres Kindes zu beaufsichtigen, „sie abzuhören", so muß auch das Wissen, das der jüdische Lehrer verlangt, zu Hause geprüft werden. Leider wird heute oft genug der Vater eher französische Vokabeln als einen hebräischen Buchstaben kennen — aber ist dies nicht gerade ein Ansporn, die Mängel einer flachen Jugend wettzumachen? Heute erstreben die Juden aller religiösen Richtungen eine größere Kenntnis der jüdischen Geschichte und des jüdischen Schrifttums. Hier kann der Vater leicht sich und seinem Kinde dienen. Eine häusliche Feierstunde, sei es am Freitagabend, ein Spaziergang an einem schulfreien Tage, ein Gespräch über Vorfahren geben oft Gelegenheit, das Wissen des Kindes zu prüfen und es zu belehren. Und wie angenehm ist dem Kinde gerade solcher Unterricht! Nicht eingezwängt in Schulbank und Schulraum, nicht unter oft spottenden Gefährten, nicht von dem bald zu milden, bald zu strengen Lehrer erfährt es Belehrung, der eigene Vater, zu dem das kleine Kind als zu dem alles Wissenden aufblickt, gibt der wißbegierigen Kindesseele Nahrung l Hierzu bedarf der Vater keiner Vor¬ oder Ausbildung, keiner pädagogischen Befähigung. Der Vater, der sein Kind kennt —- und das sollte jeder Vater—, findet den rechten Ton, den besten Weg zu Herz und Gemüt seines Kindes; nur im Zuviel könnte er fehlgehen, ein Schaden, der keine bösen Folgen haben kann. Und schließlich sollten die Väter dafür sorgen (wenn sie nicht am Sabbath oder sonst ihre Kinder „überhören" wollen), daß in den Religionsschulen allenthalben wenigstens einmal jährlich öffentliche Prüfungen stattfinden, um den Eltern über den Stand des Wissens ihrer Kinder Auskunft zu geben. Zweitens: R. Josef Zwi Meklenburg macht in seinem Werke (Haketaw w'chakabbalah) darauf aufmerksam, daß die in der Bibel genannten Zeiten für den Unterricht („wenn du sitzest in deinem Hause, und wenn du gehest des Weges, wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst") alle Lebenstätigkeit umfassen; damit will die Thorah sagen, daß der Vater nicht nach den Minuten der Uhr, sondern zu jeder Zeit sein Kind belehren soll. Denn die wahrste Belehrung erfolgt nicht duroh 127