Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Der Vater als Lehrer
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 128 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen das Wort, sondern durch das Beispiel, das sich daheim und draußen, am Morgen und am Abend zeigt. Das stille, wortlose, aber tatenreiche Verhalten und Vorbild des Vaters wird mehr Wirkung haben, als alle lauten, wortreichen, von Taten nicht begleiteten Mahnungen des Lehrers. Die Belehrung muß immer Erziehung sein; ,,es ist aber klar, daß immer die Erziehung wesentlich eine häusliche Aufgabe ist" (Herbart). Der Vater kann das Gleichgewicht des Wissens und Übens am besten herstellen, die Einseitigkeit des Unterrichts leicht aufheben (jeder Lehrer hält ja bekanntlich sein Fach für besonders wichtig). Er kann die Lektüre, das Spiel seines Kindes beobachten. Er wird bald erfahren, daß er selbst allzu oft der Beobachtete ist; er muß in seiner Lektüre, in seinem Vergnügen, in seiner Zeitverwertung sich so führen, daß das Kind kein schlechtes Beispiel nachahmen kann. Doch bleiben wir beim Bibelwort! Unsere Kinder werden mit fremden Kulturen und Literaturen in mindest dreißig Wochenstunden bekannt gemacht; in höchstens zwei Wochenstunden hören sie etwas von jüdischer Kultur und jüdischer Literatur; wo ist da der Ausgleich, wenn wir wirklich jüdische Kinder für die Zukunft heranziehen wollen? Und wir brauchen Juden, aufrechte, jüdisch denkende und empfindende Menschen! Nur das Haus kann sie bilden; hier, jüdischer Vater, werde Lehrer deines Kindes! Dein Gespräch, deine Interessengebiete, deine Stellung zu Religion oder Nationalgefühl, dein Verhalten zu geistigen oder politischen jüdischen Führern ist Lehrstoff für dein Kind! Das „Gespräch des Kindes auf der Straße stammt vom Vater oder von der Mutter" (Talmud). Arthur Posner Die zweite Generation in Palästina und die arabische Umwelt Ob unsere Kinder in Palästina edler, ursprünglicher, schöpferischer werden als ihre von den Kulturquellen des Auslandes kommenden Eltern, muß sich noch zeigen. Wenn man sich klarmacht, wieviel einer harmonischen Ausbildung der zweiten Generation im Wege steht, wie ungeformt die sie umgebende Welt auf allen Gebieten: Sprache, soziale Gliederung, Lebensstil, Kunst, noch ist, so versteht man, daß diese Generation höchstens im allerersten Stadium einer Renaissance sein kann, die sich nach außen gewiß nicht immer als positiver Fortschritt dokumentiert. Aber eines, das der Traum unseres Golusdaseins und vielen die stärkste Triebfeder ihrer Auswanderung nach Palästina war, sehen wir schon heute erfüllt: unsere Kinder sind glücklicher als wir in unserer Goluskindheit es waren. Wie unförmig ihr Leben auch noch sein mag —• das, was am meisten dazu beitrug, unsere Kindheit draußen schwer und problematisch zu machen, was uns bis in die Wurzeln unseres Seins erschütterte und unsicher machte, das fällt hier fort: die Abhängigkeit des jüdischen Kindes von einer nichtjüdischen Umwelt. Selbstverständlich reicht diese Unabhängigkeit nicht bis zu den Wurzeln unseres geistigen Seins hinab; noch ist ein erheblicher Teil unseres Besitzstandes von fremden Kulturen erborgt, das aber kommt unsern Kindern, die alle geistigen Besitztümer in einer durch Sprache und Form ihnen angepaßten Weise vermittelt erhalten, nicht zum Bewußtsein und kann sie in ihrer Sicherheit nicht beeinträchtigen. Ihr Leben erscheint ihnen als eine ihnen eigne, rein jüdische Welt, und alles, was nicht jüdisch ist, ist „das Fremde", das ihnen kein Fragen, Schätzen und Wägen auferlegt.