Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Zum pädagogischen Problem der Bibel
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 123 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen gaben). Eine gewisse „Pietät zum Texte" jedoch scheint mir zum Wesen des biblischen Unterrichts zu gehören, nicht aus autoritativem, sondern sozusagen aus sprachgeistigem Grunde. Es ist kein Zufall, sondern eine der tiefgründigsten Erscheinungen der jüdischen Geistesgeschichte, daß ihre geistigsten Werte unmittelbar durch die Sprache hindurchgehen. Und wenn heute allerdings noch Sinnesanschauung und Denken die allgemeinen Konstituenten des geistigen Lebens sind, so ist doch noch immer die Sprache vielleicht das stärkste Band, das uns in unmittelbarem Erlebnis mit dem Geiste der Bibel verbinden kann. Im orthodoxen Judentum ist ja das gleiche Prinzip pädagogisch vielfach dahin erstarrt, daß der lebendige Geist der Jugend durch die bloß autoritativ geheiligte, vielfach aber wähl- und lebensentrückte Fülle des Wortwissens erdrückt wird. Besteht doch ein großer Teil des talmudischen Wissens sogar prinzipiellerweise in einem umfassenden Bewandertsein in den „Stellen". Für uns käme es darauf an, den Geist des biblischen Wortes, den die Macht der gewohnheitsmäßigen Tradition zu ersticken, die Bibelkritik in ein geistiges Vakuum aufzulösen droht, wieder zu erwecken. Eine der Bedingungen hierzu wäre natürlich, daß der biblische Unterricht an den hebräischen Text angeschlossen wird, daß aber auch die pädagogische Beziehung zur hebräischen Sprache auf ein geistigeres Niveau gehoben wird als dasjenige des „Iwrit be-Iwrit" oder der hebräischen Umgangssprache. Daß mit allen pädagogischen Bemerkungen die Bibel nicht als ein Ganzes gemeint sein kann, ist selbstverständlich. Die einzelnen Bücher gehören ja nicht nur verschiedenen Literaturgattungen, sondern weit auseinanderliegenden Zeitepochen, verschiedenen Sprach-, Lebens- und Geistessphären an, und daher korrespondieren sie auch verschiedenen Lebens- und Altersstufen. Sprechen die Patriarchen- und Urgeschichte unmittelbar zum kindlichen Gemüt, so berühren der Auszug aus Ägypten und die Wüstenwanderung, noch mehr aber die Helden- und Königszeit innerlich erst Lebensalter, in denen jugendliche Leidenschaft, die ein inneres Ringen schon erlebt hat, äußeres Wirklichkeitsgeschehenin seinen beglückenden wie in seinen tragischeD Möglichkeiten aufzufassen vermag. Noch mehr aber kann die aus den Tiefen der vereinsamten Menschenseele hervorbrechende Gottessehnsucht der Psalmen, kann die schwere Lebensproblematik etwa des Buches Hiob oder die Weisheit der Sprüche erst späterer Lebensreife entsprechen. Nach zwei Richtungen aber möchte das Gebiet der biblischen Pädagogik natürlicherweise den Rahmen der Bibel selber überschreiten. Zunächst nach der Richtung der Agada, die, halb Mythos, halb Legende, und der Mythologie der Völker verwandter, die Schwere und Knappheit des überlieferten Bibelworts in ein weiteres Reich phantasievoller, teils älterer, teils jüngerer Gestaltungen einfügt, und sodann nach der Richtung des Neuen Testaments . Ebensowenig wie im allgemeinen kann in der Erziehung an der Tatsache des entstehenden Christentums, vor allem in der leuchtenden Gestalt seines Stifters einfach vorbeigesehen werden ■— auch wenn unser Ausgangspunkt hierzu der jüdische ist, von dem aus gerade jene Vollendung der Menschlichkeit und jene Macht des unbedingten Lebens, die uns darin entgegentritt, uns verwandter und verständlicher sein wird. Würde dieses Element in die Erziehung aufgenommen •— im Anschluß an das biblische Element einerseits, im Zusammenhange der 123