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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 124

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Zum pädagogischen Problem der Bibel
Date
1925-01-01
Page
124 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen Völkergeschichte andererseits — dann würde daraus auch das Verständnis für die tieferen Schichten des europäischen Kulturlebens, die eben dadurch auch mit dem Judentum verbunden sind, sich steigern, ohne daß der Sinn für die Selbständigkeit und historische Verantwortlichkeit des jüdischen Volksschicksals hierdurch vermindert würde. Ernst Muller Der Vater als Lehrer Ein bekannter Bibelvers (Deut. 11, 19): „ihr sollt sie eure Kinder lehren", der in das tägliche Gebet übergegangen ist, erlegt den jüdischen Vätern die Pflicht auf, ihre Kinder mit dem Inhalt und Geist der jüdischen Lehre vertraut zu machen; die Väter überhaupt werden hier angeredet, wie in dem analogen Vers (im 1. Abschnitt des Schema, Deut. 6,7) dem einzelnen Vater dasselbe Gebot gegeben wird: du sollst sie deinen Kindern einschärfen. Wenn wir uns in der Gegenwart umschauen, so werden wir leicht feststellen, daß die Väter längst nicht die Lehrer ihrer Kinder sind; und selbst der gläubige Jude, der zweimal täglich zumindest diese Verse spricht, dünkt sich seiner Verpflichtung enthoben, denn Zeit und Umstände haben jüdische wie nicht jüdische Belehrung in andere, berufsmäßige Hände gelegt. Und dennoch muß dieser Satz mit seiner eindringlichen Mahnung wieder, im engeren Sinne wenigstens, ein Imperativ werden, wenn das Kind nicht mit lügnerischem Worte im Tischgebet sprechen soll: der Allbarmherzige segne meinen Vater, der mein Lehrer ist (owi mori). Betrachten wir, wie das jüdische Altertum diesen Vers gedeutet hat, wie ihn die großen Männer der jüdischen Vergangenheit verstand«*! haben, und suchen wir daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen 1. Der halachische Midrasch, Sifre zu 6,7, bemerkt: Deine Kinder, das sind deine Schüler; nicht sollen die Kinder dem einzelnen Vater als Schüler gegenübergestellt werden, vielmehr wird hier der belehrende Vater vergessen und an den wirklichen Lehrer gedacht; denn der Midrasch fährt so fort: Und so findest du überall, daß die Schüler Söhne genannt werden (z. B. Deut. 14,1 oder II. Kön. 2,3). Das Kind soll zu seinem Lehrer aufblicken mit derselben Achtung, Verehrung und Liebe, wie zu seinem Vater, des Lehrers Wort muß ihm so heilig sein wie des Vaters Befehl. Der Lehrer hinwiederum soll jedem Schüler ein solches Maß der Aufmerksamkeit widmen, solche Teilnahme für sein Fortkommen zeigen, wie der Vater naturgemäß für sein Kind. Nicht ein fremdes Wesen sitzt auf der Schulbank vor dem Meister, der geistige Vater spricht und lehrt, liebevoll und eindringlich mahnt er so persönlich, wie er die seelische Verfassung des Kindes zu begreifen vermag, dessen von Eltern übernommene, erblich gehörige oder anerzogene Art ihm fremd und unbekannt ist. Der Vater kann es leicht haben; er ist nicht der stundengebende Lehrer; er soll es noch nicht nötig haben, gegen etwas anzukämpfen; denn so bemerkt der Sifre zu 11,18: Sobald das Kind zu sprechen beginnt, redet sein Vater mit ihm in der heiligen Sprache (hebräisch) und lehrt ihn den Vers: Die Thora hat uns Mose geboten, das Erbteil der Gemeinde Jakobs (siehe auch Raschi zur Stelle). Die Laute der heiligen Sprache sind es, die das Kind zuerst vernehmen, zuerst nachzusprechen versuchen soll; und dabei nicht Worte aus dem täglichen Leben, nicht Gegenstände oder Personen der Umgebung; der erste Satz, den das Kind ausspricht, umfaßt Thora, Moses, Israel. Göttliches Gesetz, der größte Führer und das natio- 124

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