Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Zum pädagogischen Problem der Bibel
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 122 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen dere Seite, die der übermenschlichen Quelle, nicht berührt werden. Diese wird vom Historiker am weitesten aus seinem Problemkreise abgeschoben. Konsequenterweise durfte er aber, wenn er vom Prozesse des Werdens auf das, was sich in ihm darstellt, hinblickt, beim Historisch-Literarischen nicht stehen bleiben. Wohin die entgegengesetzte Linie führt, zeigt sich in geradezu grauenhafter Weise in der von einem jüdischen Literarhistoriker aufgestellten Behauptung, die Propheten seien von Haus aus so etwas wie — Journalisten gewesen. — Näher dem Standpunkte, daß die ästhetische Höhe des Werkes nicht alles erschöpft, kommt gerade die Ästhetik, da ja die „Schönheit" der Bibel gerade darauf beruht, daß es hier um mehr als um Schönheit geht. Für Herder leuchtete gewissermaßen aus der biblischen Poesie, von der er hingerissen war, das Morgenrot alles Menschlichen. Sinn und Form alles desjenigen aber, was nicht ganz zutreffend als mythologischer Inhalt der Bibel bezeichnet wird, rühren unmittelbarer an göttliche Quellen. In welchem Sinne aber ist dieser Geist der Bibel, erhaben über die Schranken des Blutes, dennoch unser, sagen wir richtiger: in welchem Sinne sind wir sein? Es ist in gewissem Sinne eine Grundfrage unseres nationalen Lebens und Bewußtseins. * Wenn sich diese verschiedenen Gesichtspunkte in der pädagogischen Stellungnahme zur Bibel spiegeln, so drängen sich noch andere pädagogische Probleme hinzu. Selbstverständlich ist die Bibel im entschiedensten Maße ein Buch für reife Menschen •— in höherem, aber auch im Sinne des Lebensablaufs. Es wäre hier von dem Wesen der Jugendliteratur überhaupt auszugehen, davon, wie das Buch dem Kinde und dem heranwachsenden Menschen etwas ganz anderes ist als dem Erwachsenen, wie aber durch dasselbe eine etwas künstliche Brücke geschlagen wird von der Welt des Kindes zu der des Erwachsenen. Und von der Bihel gilt in dieser Beziehung, daß sie zwar nicht als Buch > dem Kinde unmittelbar zugänglich ist, in richtiger Verwendung durch den Erzieher jedoch ihm ein teuerstes und vertrautestes sein kann. Die oft im pädagogischen Zusammenhange bedenklich gefundenen Bibelstellen — bedenklich wegen frühzeitiger Erweckung erotischer Neugierde oder aus einem Widerspruch mit unserem moralischen Urteil — sind es vielleicht an sich nicht so sehr, wie es ein prüder Moralismus befürchtet, als im Zusammenhange mit dem „heiligen" Charakter des Buches, und dort, wo sie in dem Teile der Bibel auftreten, der sonst dem kindlichen Gemüte eigentlich am verwandtesten ist. Schwere moralische Konflikte entstehen, wenn man die Idealgestalt eines Patriarchen von bedenklichen Zügen begleitet sieht. Hier wird eine historische Betrachtungsweise, der Hinweis auf völlig andere Lebensverhältnisse, in denen gleich hohe moralische Impulse in anderen Lebensformen sich ausprägen können, geradezu zur Pflicht. Aus solchen Gründen sowie aus denen der schweren Verständlichkeit — auch für den Bibelforscher, der sie hie und da auf Verunstaltungen des Textes, nachträgliche Redaktion usw. zurückführt — wurden immer wieder und in neuerer Zeit auch in hebräischer Fassung Jugendausgaben veranstaltet. Mir scheinen' diese „Verdünnungen" das Problem nicht zu lösen; eher wären vielleicht Bibelausgaben zu empfehlen,: welche die bedenklichen Stellen einfach nicht enthielten (nicht etwa unübersetzt oder unpunktiert, wie gewisse in Österreich verbreitete Schulaus- 122