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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 121

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Zum pädagogischen Problem der Bibel
Date
1925-01-01
Page
121 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen geschichtlichen Gesichtspunkten unterstellt. Wenn der Historiker der Gefahr unterliegt, den Gegenstand nicht mehr um seiner selbst willen betrachten zu können, so ist dieser dem Ästhetiker allerdings in einer gewissen unmittelbaren Liebe verbunden. Die Bibel als Literaturwerk, Kunstwerk im ganzen und im einzelnen, reiht sich neben die größten Literaturschöpfungen des Menschengeistes, die ihren überzeitlichen Charakter schon dadurch erweisen, daß um Jahrtausende entrückte Geschlechter zu den dort waltenden schöpferischen Kräften die Beziehung staunender Verehrung desTJnerreichbaren mit der vollen Nähe tiefer Ergriffenheit vereinigen. Und daß wir uns doch wieder in einem engeren Sinne bluts-, geschichts- und geistesverwandt mit jenen Quellen glauben, berechtigt uns — in jenen Schranken, oder richtiger gesagt, im Rahmen jener Freiheit, der durch den allgemein-menschlichen Charakter des biblischen Geistes gegeben ist — auch eine nationale Betrachtungsweise anzuwenden, die ja in gewissem Sinne für unser Problem den Ausgangspunkt bildet. Die Überzeugung hingegen, daß aller rationale Inhalt und alle ästhetische Form noch nicht die wirkenden Mächte dieses Buches erschöpfen, und daß vor allem seine religiöse elementarische Kraft weder im Dichterischen noch im „Normativen" ihre Quelle haben kann, bringt uns — wenn man den Sinn des Wortes weit genug nimmt — einer mystischen Betrachtungsweise des biblischen Wortes näher. Ihre Bedingung ist gleichsam am klarsten ausgedrückt in der altjüdischen Auffassung vom mehrfachen Sinn des Bibelwortes, dessen Inhalt gewissermaßen überinhaltlich, dessen Form nicht nur als fertige, sondern als fortwirkende verstanden sein will. Die verschiedenen Gesichtspunkte, welche zum Teile verschiedenen Lebenseinstellungen entspringen, lassen sich nun entweder zu Widersprüchen steigern oder aus umfassenderem Umblick zur Harmonie ergänzen, wobei es nur darauf ankommt, daß ein Standpunkt von dem andern wenigstens verstanden werden kann. Der Bibelgläubige wird allen anderen gegenüber mit Recht darauf hinweisen können, daß die Erscheinung der biblischen Literatur überhaupt noch ganz anderer als literarischer Natur ist, daß die fundamentalen ethisch-religiösen Werte des heutigen Judentums und der europäischen Menschheit auf den Geist der Bibel zurückreichen. Dem Historiker andererseits muß auch der Bibelgläubige — und das beweisen schon die älteren jüdischen Exegeten — die dem Menschlichen zugewendete Form der Bibel zugeben, welche dann auch menschliche Entstehungsweise wenigstens teilweise in sich schließen muß. Irgendwie sind doch die Gesetze gegeben, die Geschichte wird erzählt, die Dichtungen sind verfaßt, die Reden wurden gehalten, und damit rückt das Werden des Buches in die Sphäre menschlichzeitlicher Verhältnisse. Schon indem die jüdische Tradition von einer mündlichen Überlieferung neben der schriftlichen sprach, hielt sie sich in gewissem Sinne die Bahn frei für menschliche Deutung der schriftlichen. So rückt die irdische Form des Gesetzes in die Kategorie des Zeitlichen, gegenüber seinem verborgenen überzeitlichen Sinn, und auch an der überlieferten Erzählung wird nicht mehr ihre zeitliche Authentizität, sondern ihr überzeitlicher Sinn wesentlich. Und wenn so namentlich Dichtung und Prophetie als aus menschlichen Herzensgründen oder wenigstens durch menschliche Herzensgründe quellend erkannt werden, so muß wieder hierdurch die an- 121

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