Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zum Freigeist
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 119 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen gefühl des freien Geistes zu erringen, der die Grenzen des Nationalen mit dem Menschheitlichen kennt, der aus der nationalen Not keine Tugend macht, sondern trotz vielleicht größerer Berechtigung des jüdischen Nationalismus gegenüber dem der anderen Völker die persönliche geistige Freiheit auch ihm nicht opfert. Der Nationalismus, der am Ende, nicht der am Anfang der Erziehung steht, das erkämpfte, nicht das selbstverständliche Nationalgefühl ist es, das die Stärke der zionistischen Idee ausmacht. Die Idee des modernen Zionismus wurzelt allerdings ebenso stark im nationalen Grundgefühl wie die anderen lebendigen jüdischen Strömungen, auch die sich nicht als national erkennenden. Was aber seine seelische Besonderheit und Stoßkraft ausmacht, ist jene klare Bewußtheit und unerschöpfliche Tiefe zugleich, die niemals aus Natürlichem und Angeborenem allein, sondern aus Erworbenem und Erkämpftem stammt, aus der Umkehr und Wahl des frei entscheidenden Menschen, die hier auch eine Heimkehr ist. Den Zionismus als Idee haben daher ausschließlich assimilierte Juden geschaffen, aus ihrem eigenen Leben und Erleben heraus, von Moses Heß, Pinsker und Achad Haam bis zu Herzl, Nordau und den anderen. Die Entscheidung zum Judentum, die auf höherer Ebene, in der Sphäre sittlicher Freiheit und Verantwortung, erst den Spruch der niederen Instanz, des Bluts-, Rassen- und Nationalinstinkts, bestätigt, ist unvermeidlich, solange das Judentum keine selbstverständlich gelebte Wirklichkeit, sondern (religiös oder national, wirtschaftlich oder sozial) Aufgabe, Forderung, Idee, gegen eine fremde Realität gestellt, ist. Gewiß braucht man die Notwendigkeit dieser Entscheidung nicht zu spüren oder man kann ihr ausweichen, ebenso wie viele, vielleicht die meisten Menschen ja ohne Bewußtsein, betäubt, gespenstisch und unwirklich leben, Ttieb- und Herdentiere, dumpf im dämmerhaften Umkreis ihres Instinktlebens dahinträumend. Hier aber ist vom Menschen und vom Geist die Rede. Ich kann an keine jüdische Wirklichkeit außer in einem jüdischen Palästina oder seiner künstlichen Nachbildung, dem Ghetto, glauben. Solange das Judentum in notwendiger Gegenwirkung gegen eine andere Umwelt statt Existenz Postulat, statt natürlicher Gegebenheit Problem, statt friedlicher Sicherheit zu erkämpfendes und zu verteidigendes Ziel ist, muß auch sein wesentlichstes Mittel, die Erziehung, immer ebenso fragwürdig (in des Wortes guter Bedeutung) und Stückwerk bleiben. Die Entscheidung zum Judentum läßt sich verwischen, vorwegnehmen, fälschen durch unfreie Erziehung, die dem jungen Menschen stets die Augen verdeckt, wenn auf seinem Wege eine Gefahr für sein Judentum lauert-. Das Resultat ist das Scheuklappen-Judentum mit seiner inneren Unaufrichtigkeit-, Sattheit und Selbstgenügsamkeit, das wir aus allen Lagern kennen. Erziehung zum Freigeist will demgegenüber die Freiheit und Reinheit der Entscheidung des jungen jüdischen Menschen zum Judentum. Solche Erziehung wird oft dem Judentum gefährlich werden; jede andere aber, trotz äußerem Anschein, nicht minder. Solange das Judentum selbst in Gefahr ist, wird auch der Weg zu ihm, den man Erziehung nennt, voller Gefahren sein. Besser aber die offene Gefahr, als die versteckt drohende, gegen die es keine Abwehr gibt. Über die Mittel und Methoden dieser Erziehung (zu der ich z. B. beide der in diesem Heft beschriebenen Versuche von Jugendgemeinschaften rechnen darf, den des Kownoer Kinderhauses und des Kinderdorfs im Emek) hier nur noch einiges Andeutende in Schlagwortform. Die Erziehung zum Freigeist wird den Gedanken der Autonomie 119