Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zum Freigeist
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 118 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Erziehung zum Freigeist Freigeist wird hier in der ursprünglichen Bedeutung de3 Wortes verstanden, als freier Geist. Im Gegensatz zu der weniger positiven und mehr parteipolitischen Bezeichnung „Freidenker" meint dieser Begriff nichts notwendig Irreligiöses oder Antireligiöses und ist weit vom platten Materialismus des organisierten Atheismus und ebenso weit von der mechanistischen Denkweise jenes modernen Surrogats des Monotheismus entfernt, das sich, dürr und trist wie sein Inhalt, Monismus nennt. Der Freigeist ist der Geist freier Entscheidung, voraussetzungsloser Erkenntnis, antidogmatischen Denkens. Er ist oft Ketzerei, niemals aber Unglaube; oft Empörung, niemals aber der beschränkte Hochmut eines neuen Dogmas, ob nun religiöser, sozialer, politischer oder wissenschaftlicher Art; oft rational, mythosfeindlich und antimystisch, niemals aber das seichte Aufkläricht jenes billigen Rationalismus, den der Intelligenzpöbel als „gesunden Menschenverstand" gegen religiösen oder künstlerischen „Irrwahn" ausspielt. In einem konkret verdeutlichenden Beispiel: der freie Geist hat ebenso wenig mit der sowjetrussischen „Schulweisheit" gemein, welche die in der neuen Klassenkampfreligion fanatisierten Kinder mit den alten Methoden patriotischer Erziehung und dem grauenhaften Katechismus des „historischen Materialismus" drillt, wie mit der Kirchendogmatik aller Konfessionen, die das selbständige Denken des Kindes durch äußere Formen und Formeln, sein eigenes Suchen, seinen Kampf um die Wahrheit durch unantastbare, dreifach gesicherte Glaubenssätze ersetzt, Siegfriedstellungen eines bequemen- Seelenfriedens. 118 Erziehung zum Freigeist, bei Völkern mit unbediohter nationaler Existenz die Gewähr freiheitlicher, fortschrittlicher, weltbürgerlich gesinnter Jugend, ist im jüdischen Volk eine Gefahr: wo mit dem Religiösen, Sozialen, Politischen, Wissenschaftlichen auch das Nationale — und dies besonders — problematisch ist, wo man auch zu seinem Volkstum Ja oder Nein sagen kann, wird die Frage des Untergangs oder der Erneuerung dieses Volkes in jeder jungen jüdischen Seele neu gestellt und die Antwort ist entscheidender als sonst. Jüdischtraditionelle Erziehung scheint somit einfacher und minder gefährlich als die frei geistige zu sein und auch dem nichtreligiösen Juden aus taktischen Gründen: Erhaltung des Judentums im Kinde, erforderlich. (Weshalb auch so manche Zionisten aus Vernunft =, nicht aus religiösen Motiven eine religiöse Erziehung befürworten.) Wir anderen aber wissen, daß heute weniger als je das „offizielle" Judentum seine Söhne vor dem ewigen Ansturm der eigenen „unterirdischen" revolutionären Kräfte und Ströme behüten kann, und daß die Lehre auch durch keinen so dichten Zaun mehr geschützt ist wie einst; die unablässig nagende Woge des modernen Wirtschaftslebens hat schon viel Erdreich und manchen Stein aus ihm gelöst, und nur mühsam können die zahllosen kleinen Löcher und Risse durch ebenso viele Deutungen, Anpassungen, Exemtionen, Fiktionen, Rezeptionen und andere offene oder heimliche und unheimliche Tricks verstopft werden. Und aus eigenem Erleben wissen wir auch: diese gefährliche Erziehung, diese unablässige Zuwendung des Angesichts dem Tode und dem Leben des Volkes zu ist in der Diaspora die einzige Möglichkeit, sich einen unchauvinistischen Nationalismus, das National-