Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 116 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101217-3110234--7926-3110376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ernst Simon IV. Zahlreiche ernste Probleme drängen nun, auf dieser Stufe zur Lösung. Einige seien wenigstens genannt, eines, als grund legend, noch andeutungsweise dargelegt. Die Frage der jüdischen Schule z. B., schon vorbei akut, tritt nun erst in ihren vollen Entscheidungsernst. Sie ist auch von unseren Erwägungen her, nicht einfach glatt zx bejahen, sondern muß nach Vor- und Nachteilen in jedem Einzel falle sehr vorsichtig abgewogen werden. Die Geschlossenheit der jüdischen Milieus z. B. ist zugleich Vorzug und Mangel weil sie künstliche Lebensbedingungen schafft oder vortäuscht unter denen kein Jude der Welt, selbst in Palästina nicht, je leber wird. Bejaht man sie, ihrer großen jüdischen Chancen wegen insbesondere in der heutigen Verfallszeit des jüdischen Hauses trotzalledem, so sind wenigstens bewußte Gegenkräfte einzuführen die aufweitend wirken und verhindern, daß die dort geleistete Erziehungsarbeit zu einer Treibhauskultur führt. (Für Palästina wären z. B. gemeinsame jüdisch-arabische Volksschulen trotz der ja nicht allzugroßen, Sprachschwierigkeiten sehr ernsthaft zu erwägen.) Auf der anderen Seite muß die Ausbildung des jungen jüdischen Menschen, liege sie nun mit ihrem Schwerpunkt im Haus, in der jüdischen Schule oder etwa auch in der Religionsschule nach einem spezifischen jüdischen Bildungserlebnis hin ausgerichtet sein, für das vielleicht die auch heute noch durch aus nicht ausgeschöpfte Gestalt des Maimonides in Betracht kommt. Jedenfalls ist dessen geistige Freiheit und Kühnheit anzustreben, da sie allein den nunmehr Erwachenden vor den entfremdenden Folgen des ,wissenschaftlichen Sündenfalls" bewahren kann. Die Wahrheit der schriftlichen wie mündlichen Lehre muß ihm in ihren eigentümlichen Kategorien so ersichtlich sein und in ihrem inneren Range so feststehen, daß die kri tische Frage nach der philologischen Integrität der Texte für ihn von keiner religiösen Bedeutung ist. So braucht der Zusammenstoß mit den geistigen Mächten Europas nicht ängstlich abgewartet, sondern darf mit einigem Selbstbewußtsein unternommen werden, wobei sich, im Nehmen und Geben, neben den Berührungen auch gänzlich neue Scheidungen herausstellen dürften: z. B. im Begriffe einer „ jüdischen Welt geschieht e", die aber nicht nur quantitativ (wie bei Dubnow), sondern ganz grundsätzlich: als Betrachtung der Geschehnisse unter dem grundlegenden Gesichtspunkt des Judentums, zu verstehen wäre. So wesentlich diese Fragen für eine wahre Erziehung zur Tradition auch sind, wichtiger noch ist eine bestimmte innere Einji6