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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 117

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Erziehung zur Tradition
Date
1925-01-01
Page
117 (sequence 13)
Language
German
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IRI
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Erziehung zur Tradition Stellung, die der heutigen Orthodoxie fast ganz abhanden gekommen zu sein scheint, wenigstens der westlichen, und ohne die ein Neuaufbau des gesetzestreuen Judentums schlechthin unmöglich ist. Das Bewußtsein muß wieder wach werden, daß mit der erfüllten Mizwa die uns auferlegte Pflicht nicht erledigt sei, sondern gerade eben begonnen habe. Das Halten des Religionsgesetzes entbindet nicht von anderen, menschlichen oder sozialen, Pflichten, es ist kein Hafen, in den man sich vor dem Sturm des schlechten Gewissens flüchten kann, kein Sicherheitsventil für die innere Unruhe; sondern im Gegenteil: Ausdruck der Verpflichtung, alle Verhältnisse des Lebens unter dem sehr radikalen Maßstab der göttlichen Gerechtigkeit zu prüfen und zu verwandeln. Von diesem nur anscheinend erweiterten, in Wahrheit ursprünglichen Gesamtbegriff der Thorah aus, der so auch von der mündlichen Lehre immer anerkannt und nur von der modernen Orthodoxie praktisch zum Teil verlassen (niemals theoretisch geleugnet) wurde, braucht auch gesetzestreu erzogenen Kindern und jungen Menschen die Tatsache nicht gesetzestreu Lebender keineswegs ängstlich vorenthalten zu werden. Im Gegenteil: sie dürfen und sollen wissen, daß es auch Juden anderer Art und Entscheidung gibt, und daß auch sie, sofern sie nur sittliche und der Gesamtheit dienende Menschen sind, einen großen und integrierenden Teil des Gesetzes erfüllen, daß auch sie also zu ihrem Teile „gesetzestreu" sind, während es uns selbst vielleicht nicht immer gelingt, trotz der noch größeren Verpflichtung durch den Anspruch auf die Form, es jenen andern hierin gleichzutun. Unser Verhalten zu Mitmenschen und zu Tieren, die Art unserer Geselligkeit, Ton und Stil unseres Hauses, vor allem aber: unsere Berufswahl und unsere Stellung zu und in den sozialen Fragen der Zeit müssen vor der kritischsten Frage bestehen können: ob dies alles würdig zu der religiösen Übung passe, mit der wir einen Teil unseres Lebens erfüllen. Gibt es einen „anderen Teil" unseres Lebens? Oder ist er mit umfaßt und vom Gesetz gestaltet? Der Sinn solcher Weckung der Unzufriedenheit kann natürlich niemals sein, nun aus jener anderen Teillösung der Untraditionellen ein Ganzes zu verfestigen, sondern immer nur: den eigenen Teil zum Ganzen hin zu ergänzen. Aber das soll mit großem Ernst geschehen: die im Galuth möglichen Mizwoth sollen auf die an Erez Israel gebundenen weisen und die uns in der kapitalistischen Wirtschaft noch gebliebenen auf die für eine sozialistische Gemeinschaft gegebenen. So wird jede erfüllte Pflichttat nicht beruhigend ein Ende bedeuten, sondern fordernd über sich selbst hinaus zeigen auf das Ziel zu, das von uns getan werden will. 117

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