Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 109 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Erziehung zur Tradition blick auf ein belebendes neues Sanhedrion, religiös unmöglich sei, oder auch aus einer so verzweifelten, (an sich sehr berechtigten) Abneigung gegen die „modernen Sadduzäer des Talmud", daß man die Zurück Verwandlung der zur Schrift erstarrten, längst nur noch sogenannten „mündlichen Lehre" in eine neue wahrhafte Mündlichkeit für ein utopisches Unternehmen hält. Alle drei Meinungen scheinen uns zwar irrig, doch gehört die sachliche Auseinandersetzung mit ihnen nicht mehr in diesen Zusammenhang : wohl aber die Frage, wie solche Menschen nun ihre Kinder „jüdisch erziehen" sollen. Man antwortet nur denen, die fragen. Denen, die nicht fragen, die also meinen, aus ihrer negativen Einstellung zur Tradition heraus für ihre Kinder mitentschieden zu haben und vielleicht sogar einen gänzlich neuen Weg jüdischer Erziehung finden zu können, die muß man inihremHause den Versuch machen lassen. Die — nicht wenigen — aber, die auch jetzt noch, nach ihrem erarbeiteten Nein! gegenüber der Tradition, weit erfragen: Wie können wir nun („wenigstens") unsere Kinder jüdisch erziehen? bekunden damit offensichtlich eine Unsicherheit über das Recht, ihre Stellungnahme zu verallgemeinern. So zukunftsvoll dieses wieder erworbene „schlechte jüdische Gewissen" auch sein kann, eine so gefährliche Konsequenz zeitigt es häufig für die Erziehung: nämlich den Entschluß, die jüdischen Formen „als nationale" zu halten. Das ist Blasphemie für die Eltern, und führt für die Kinder zu einer unwahrhaftigen Atmosphäre, zu einer Art religiösen Storchmärchen, dessen spätere Aufdeckung dem jungen Menschen eine seelische Katastrophe bedeutet, also genau das Gegenteil dessen, was man gutmeinend erstrebte. Es bleibt da nichts als A b s t i n e n z in der Erfüllung aller Gebote, die man nicht — oder noch nicht — erfüllen kann, aber möglichst strenge Scheu vor der Übertretung aller V e rbote — auch dies schon schafft wenigstens die Möglichkeit eines jüdischen Milieu und bedeutet für viele wohl noch keinen Gewissenszwang. Und vor allem: Überlassung der Kinder an andere Menschen oder Schulen, die auch zum Gebot in positiver Beziehung stehen, um den Jungen aufs neue Gelegenheit zu geben, sich lernend vorzubereiten und in ihrem eigenen Leben die Entscheidung zu w i e d e rh o 1 e n , die man für sich selbst mit „Nein!" getroffen hat. Der Verzicht der hierin liegt, die Konflikte, die sich für Eltern und Kinder daraus ergeben können, werden möglicherweise aufgewogen werden durch die selbst errungene Positivität der jungen Generation, die auch die Eltern noch einmal überwinden und aufrecht in die Heimat bringen kann. 109