Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon. III. Für den, der „Ja!" gesagt hat, ist die Aufgabe nicht etwa leichter. Die hier gemeinte Entscheidung hat ihn zur Anerkennung des jüdischen Gesetzes als religiöser Wirklichkeit geführt; er ist zu dem Bewußtsein gelangt, daß die jüdische Tradition etwas ewig Gültiges ,,in der Sprache der Menschenkinder" ausdrückt, in die Pflichttat des Menschen hineinformt: die rechte Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf: ihren Bund. Keine heidnische Treppe befördert ihm stufenweise Menschen zu Göttern, kein christlicher Mittler treibt ihn aus Schrecken und Gnade der unvermittelten Gegenwart, keine' islamitische Schicksalsergebenheit lähmt ihm die Spannung des freien Willens zwischen dem Gesetzgeber und dem zur Tat Aufgerufenen, keine philosophische Urzeugung schafft ihm Gott nach seinem, des Menschen, Ebenbilde, und keine mystische Hochzeit läßt sie beide, im All des Pantheismus oder im Nichts des Nirwana, gestalt- und unterschiedslos ineinandersinken. Sondern ihm, dem Juden, treten Gott und Mensch in die klare Geschiedenheit und die klare Beziehung eben des Bundes, der den Schöpfer der Welt zugleich als den Gesetzgeber des Sittengesetzes, die Kreatur zugleich als den Täter des Gebotes faßt. Das Religionsgesetz nun konkretisiert diesen Bund in jedem menschlichen Lebens- und TagesaugenMick und in bezug auf alles menschliche Tun und Leiden. Ihm ist in Wahrheit nichts Menschliches fremd, es kennt keine starre Scheidung zwischen Heiligem und Profanem, sondern nur eine ewig bewegliche Grenzlinie, die durch Schuld und durch Umkehr, für den Einzelnen wie für das Volk, sich ständig verschiebt. Und so erreicht es, daß umgekehrt dem Menschlichen nirgends das Göttliche ganz fremd ist, wodurch beide die innigste Verbindung eingehen, die der strenge Monotheismus erlaubt und zugleich, als sein Korrelat, fordert. Natürlich tritt unter solchem Anspruch und Maßstab die Unvollkommenheit des Menschlichen in besonders dringliche Deutlichkeit — und damit in die Notwendigkeit seiner Erlösung. Das jüdische Volk ist auserwählt zur aktiven Auswahl, die es durch sein Gesetz aus den unendlichen Möglichkeiten von Speis und Trank, Liebe und Ehe, Staats- und Gesellschaftsordnungen übt, eine eindeutige Wirklichkeit aus den unendlichen Möglichkeiten fordernd und teilweise schaffend. Diese Auswahl machte die Erlösungsbedürftigkeit des nicht erwählten Weltanteils, ja sogar die nur immer im Augenblick der Tat erfolgte Erlösung des jeweils erwählten Weltanteils so überaus deutlich, daß ihr und ihrem Träger, dem jüdischen Volke, damit eine messianische IIO