Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon mit ihren Quellen, sondern auf der kritiklosen Übernahme dessen, was die liberale Heimatsschicht über diese Dinge dachte: sie seien antiquiert, erstarrt, nicht mehr zeitgemäß, durchaus nicht lebensfähig. Aber selbst wo solche Werturteile nicht einfach vom Vater übernommen, sondern aus eigener Anschauung der Orthodoxie, besonders der deutschen, gewonnen sind — selbst da dürfen sie nicht als kritisch begründete gelten. Denn auch hier wurde die echte, die eigentliche Frage fast niemals auch nur gestellt, geschweige denn beantwortet: ob denn nicht diese Orthodoxie vielleicht das Gesetz verfälscht habe, ob man die Tradition denn wirklich kennen lernen könne aus ihrer bourgeosien Teil Verwirklichung und Teilverzerrung durch eine tief assimilierte Schicht, oder ob es nicht vielmehr nötig sei, sich die Erkenntnis bei den reinen Quellen zu holen und nun zu prüfen: folgt der heutige, zweifellos ins Formalistische degenerierte Zustand der Orthodoxie aus dem Gesetz selber, muß er sich notwendigerweise aus seiner Eigenart, aus seiner Durchführung ergeben — oder ist nicht möglicherweise umgekehrt diese Dekadenz ein Ergebnis des eben nicht radikal, des nur in einer vorsichtigen Bürgerauswahl verwirklichten Gesetzes? Wer so fragt — und es gibt keine andere Möglichkeit der Fragestellung, wenn auch natürlich zwei entgegengesetzte Antworten —• der erfüllt damit nur jene Forderung der intellektuellen Rechtschaffenheit, die auf jedem Wissensgebiete gilt: sich vor dem Urteil zu orientieren. Im Jüdischen scheint dies vielfach überflüssig; hier gilt jedes dilettantische Geschwätz, das ohne einfachste Stoffkenntnis daherspreizt, als ebenso vollwertig wie das Urteil der Sachkundigen. Daß der Zionismus sich und anderen solche ehrfurchtslose Vorwegnahme seiner Einstellung zur Tradition grundsätzlich verbiete, ist die erste Voraussetzung seiner religiösen Selbsterziehung. Die so gewonnene Wahrhaftigkeit in der Fragestellung und in der lernenden Vorbereitung auf die Antwort wird deren Charakter sicherlich entscheidend bestimmen. II. Immerhin ist zuzugeben, daß auch nach so legitimer Werbung die Tradition sich dem Suchenden versagen kann: er wird manchmal, auch nun noch, zu einem Nein! kommen. Dieses Nein ist zu respektieren, stamme es nun aus einem (vermeintlichen, aber redlichen) Atheismus oder aus der etwa karäischen Rebellionsmeinung, das Gesetz entspreche in seiner heutigen Form so wenig, ja: so grundsätzlich nicht der wahren Beziehung zwischen Gott und Israel, daß auch seine vorläufige Erfüllung, etwa im Hin- 108