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Der Jude · 1925-01-01 · 2 (1926) Sonderheft Erziehung · p. 107

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
2 (1926) Sonderheft Erziehung
Article
Erziehung zur Tradition
Date
1925-01-01
Page
107 (sequence 3)
Language
German
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Erziehung zur Tradition Bruchstücken noch resthaft vorhandene jüdische Unzufriedenheit, das Gefühl: unser Leben hier ist kein ganzes und gutes Judentum, geht in diesen Kreisen häufig verloren. Der Zionismus des ersten Schrittes erscheint bereits als „die Lösung der Judenfrage", „Zion" wird aus dem Namen einer ungeheuren Aufgabe zu einem magischen Zauberwort, das mit einem Schlage, ohne Vorbereitung, nur durch die mystische Berührung mit seinem Boden oder sogar schon durch deren Vorankündigung, Entjudete zu Volljuden, Entfremdete zu Heimischen macht. So ist man schnell wieder beruhigt, nicht zwar mehr —■ willensmäßig —• assimilatorisch, aber ganz wie vorher — dem Sein nach — assimiliert: ein selbstzufriedenes Glied des postassimilatorischen assimilierten Zionismus, und schreitet, nur gleichsam umgewandten Kopfes, auf dem alten Wege der Entjudung, blind und schwankend, immer weiter. Auf diese Weise kommt man nicht mehr zum Judentum, und der Weg nach Palästina, der häufig von hier seinen Ausgang nimmt, endet nur allzuoft in enttäuschtem Verlassen des Landes oder in einem Verbleiben, das, inselhaft abgeschlossen, keine innere und oft nicht einmal äußere Fühlung mit der jüdischen Arbeiterschaft und den ostjüdischen Kleinbürgern dort gewinnen kann, und ganz gewiß keine Beziehung zu den Trägern und Werken des jüdischen Geistes. Diese Gefahr ist nur durch eine Einstellung zu vermeiden, die den ersten zionistischen Schritt eben nur als ersten, in seiner Begrenzung, erkennt und nun sofort daran geht, den soeben manifest gewordenen Willen zum Judentum zu konkretisieren. Es muß die Aufgabe gestellt werden, sich den jüdischen Inhalten lernend zu nähern, um eine eigene, erarbeitete Stellungnahme zu ihnen zu gewinnen. Das bedeutet also: hebräisch lernen und die Haupturkunden der jüdischen Literatur sowie die wesentliche Eigenart des jüdischen Geistes: das biblisch-talmudische Gesetzesjudentum, die religiöse Tradition zu verstehen suchen. Eine schwere Forderung — aber nicht schwerer als diejenige, die einst in Palästina an den Zionisten herantreten wird, und sehr geeignet, einmal erfüllt, jene andere vorzubereiten und zu erleichtern. Allerdings setzt diese Haltung nicht, wie meist angenommen, weniger Kritik voraus als die übliche, sondern gerade sehr viel mehr und viel ernstere Kritik: keineswegs etwa „Pietät" gegenüber der Tradition und ihr gedankenloses Gutheißen, aber ebenso keineswegs gedankenloses Gutheißen der Werturteile jener jüdischen Bourgeosie, die man soeben zu verlassen im Begriffe ist. Denn die Abneigung der meisten westlichen Zionisten gegen die Tradition beruht ja nicht etwa auf einer kritischen Beschäftigung 107

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