Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Simon, rungen der Formen vor sich gehen, so verschiedenartig ist die Aufgabe einer Erziehung zur Tradition, je nach „Subjekt" und „Objekt", nach Geschichtszeit und Geschichtsraum. Es gehörte ein sehr weitschichtiges Buch dazu, auch nur die wichtigsten Typen aufzuzeigen, in die eine solche pädagogische Unternehmung sich differenzieren muß. Der Raum dieser sehr beengten Skizze reicht höchstens dafür, für einen einzigen Menschenkreis die Problemlage anzudeuten. Deshalb sei der dieser Zeitschrift am nächsten stehende Kreis, der westliche Zionismus, herausgegriffen. I. Die Erziehung des westlich - assimilierten Zionisten zur jüdichen Tradition kann, zum mindesten auf ihrer ersten Stufe, nur Selbsterziehung sein. Das Erlebnis, das ihm zum Anschluß an die zionistische Bewegung und zur Arbeit für die Palästinasache führte, war (und ist auch heute noch) ein vor allem negativ bestimmtes: nicht so sehr Liebe zum jüdischen Volke, das ihm fremd ist, zu seiner Sprache, die er nicht spricht, zu seinem Lande, das er nicht kennt, als vielmehr Ablehnung der jüdischen Umwelt, der assimilatorischen Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist und in die einzutreten er sich weigert. Stellte sich seine Rebellion vor allem unter antibourgeoisen Argumenten dar, so wäre dieser junge Mensch mehr oder minder radikaler Sozialist geworden, wendet sie sich vor allem gegen die Würdelosigkeit einer nationalen Mimikry, so wird er Zionist. Sehr oft fließen beide Motive ineinander und führen dann zum sozialreformerisch oder sozialistisch beschwerten Zionismus. Immer aber ist der eigentliche Ursprung reaktiv, nicht aus dem Jüdischen gezeugt, sondern von dessen Gegensatz hervorgereizt. Die (selbst-) erzieherische Aufgabe heißt hier nun: Überwindung dieses ersten Schrittes. Es besteht die Gefahr, der ein großer Teil des westlichen Zionismus, insbesondere seiner Jugendbewegung, verfallen ist und immer wieder verfällt: die Anfangssituation eines sehr weiten und nicht leichten Weges bereits für das Ziel zu halten und damit, kurzatmig, die Assimilation wieder zu verfestigen, wenn auch nach einem Schritte aus ihr heraus. Der Unterschied ist dann aber nur graduell: der Wille zum jüdischen Sein wurde zwar einmal erweckt, muß aber in dem luftleeren Raum betätigungsloser Selbstbestimmung, objektloser Selbstbefriedigung, notwendig bald zerfallen. Ja, sogar mehr: nicht selten führt ein psychologischer Rückschritt noch hinter die assimilatorische Position; die dort immerhin in 106