Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Über religiöse Erziehung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 104 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Elfride Bergel-Gronemami aber ihnen auch menschliche Schwächen andichtet, um sie sich näher zu bringen und die ohnmächtige Furcht zu beschwören (Polytheismus). Wie aber alle diese "Vorstellungen letzten Endes nur Interpretationen realer Erfahrungen sind. Und nun sieht man den Menschen immer weiter sich emporringen aus dem Zwange der Materie — sein Geist schwingt sich allmählich über alle Empirie empor — man sieht, wie nebensächlich, bedeutungslos die Materie ihm wird, wie immer mehr die Gesetze der Seele sich auswirken. Bis die Sehnsucht nach Güte und Reinheit ihn die Vorstellung eines allgütigen, allgerechten, allbarmherzigen Gottes errichten läßt, bis seine Sehnsucht nach Vollkommenheit und Einheit jenen Einen Gott schafft, der ohne Anfang und ohne Ende, ohne Zeit und ohne Raum ist. Das ist die schöpferische Tat des Judentums. Der jüdische Monotheismus ist reine Sehnsuchtsschöpfung, er wurzelt wie jede wahre Religion im Irrationalen und ist deshalb durch Wissenschaft und Erfahrung weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Die Unbedingtheit, der Wille zum Absoluten der jüdischen Sehnsucht leidet keine Einengung des Gottesbegriffs, keine irdische Vorstellung, und die Macht dieser Sehnsuchtsspannung ist so gewaltig, daß sie selbst die letzte irdische Bindung überwindet: die Ichliebe. Leid und Entsetzen des eigenen Lebens werden umgedeutet in Prüfungen oder Strafen — nur um des Bildes göttlicher Güte und Gerechtigkeit willen. Und alle bittersten Erfahrungen des Daseins werden hingenommen als Schickungen des vollkommenen Wesens; und trotz aller Grausamkeiten des Seins bejaht der jüdische Sehnsuchtswille demütig und gotterfüllt die Welt. Und wie ein Liebender, der sich nicht genug tun kann in seinen Liebesbeweisen, der aus allen Gesten und Handlungen des Alltags Zeichen seiner Liebe macht — so kann sich der jüdische Mensch nicht genug tun, täglich und stündlich, in jeder kleinsten Unternehmung, seine Hingabe, sein Denken an Gott zu zeigen. Wenn man so dem jungen Menschen das Judentum als einen Weg aufzeigt, den seine Ahnen zu Gott gingen, wenn man so nicht den Gottesbegriff, sondern den suchenden Menschen in den Mittelpunkt der religiösen Betrachtung stellt, für die das Wesen eine nicht mehr anzuzweifelnde Wahrheit und nur der Wert des Begriffes zweifelhaft ist, dann werden sich ungeahnte Weiten im Rahmen traditioneller Umfriedung ihm erschließen. Die Gebräuche und Symbole seiner Kindheit, die wie altgewohnter Hausrat in den Zimmern dunkelten, werden plötz- 104